Zirkus in Russland


Dem Zirkus in Russland gebührt ein eigener Abschnitt auf dieser Seite. Zwar waren es im 19. Jahrhundert vor allem westeuropäische Kunstreiter und Zirkusdirektoren, die dieses Kulturgut ins ehemalige Zarenreich brachten. Aber die Russen hatten von Anfang an ein Herz für den Zirkus, und so konnte sich diese Kunst hier zu einem breitenwirksamen und zugleich anspruchsvollen Kulturzweig entwickeln. Dies geschah verstärkt in der Ära des Sowjetsozialismus, als die Zirkusse verstaatlicht und einer zentralen Verwaltung unterstellt wurden. Nach 1945 entstanden nach dem Vorbild der bereits vorhandenen historischen Zirkusbauten in Moskau und St. Petersburg beinahe in sämtlichen größeren Städten Russlands feste Gebäude, die speziell für Zirkusvorstellungen geschaffen waren und das ganze Jahr über bespielt wurden. Ähnliches kennt man in Westeuropa nur von Theatern o.ä. Aber nicht nur die Spielstätten etablierten sich in dem Maße, sondern auch inhaltlich stand der sowjetische Staatszirkus jahrzehntelang an der Weltspitze, was die Leistung wie den künstlerischen Ausdruck von Zirkusnummern betraf. Bevor neue Richtungen wie der Noveau Cirque in Frankreich oder der Cirque du Soleil (s. Extra-Rubrik) geboren wurden, setzte die russische Zirkuskunst international Akzente, blieb dabei in ihrem Wesen aber immer auch klassisch. Bis heute haben russische Artistenschulen und Studios/Ateliers eine große Bedeutung für die Etablierung und Weiterentwicklung der Zirkuskunst. Regisseure aus Russland produzieren jedes Jahr neue, teilweise innovative Darbietungen, die von internationalen Festivals gebucht werden. Zudem sind russische Artisten heute in Zirkussen auf der ganzen Welt zahlenmäßig sehr stark vertreten.


Die meisten der über 40 Zirkusgebäude Russlands - allerdings nicht die in St. Petersburg und Moskau! - unterstehen der staatlichen Zirkusvereinigung "Rosgoszirk" (s. unten), der Nachfolgeorganisation des sowjetischen Staatscircus. Deren Generaldirektor Alexander Kalmikow sagte 2008 (damals Vize-Chef und künstlerischer Direktor) im Interview gegenüber der deutschen Circuszeitung: "Circus war immer und ist auch heute noch ein bedeutender Teil der russischen Kultur. [...] Nur wenn der Staat einen Teil der Kontrolle [über den Circus] behält, kann er überleben. [...] Sogar der Cirque du Soleil hat mit öffentlichen Geldern von Québec begonnen." Kalmikow sorgte sich schon damals um die Zukunft des Zirkus: "Das Goldene Zeitalter des Circus ist vorbei." Die meisten russischen Zirkusbauten sind inzwischen renovierungsbedürftig. Die Zuschauerzahlen sind in vielen Städten kontinuierlich gesunken (die Moskauer Zirkusse sind aber laut Augenzeugen nach wie vor sehr gut besucht). Rosgoszirk plante nach Presse-berichten aus 2011 mit Hilfe eines milliardenschweren staatlichen Investitionsprogramms die Renovierung und Umrüstung der Zirkusbauten zu modernen, multifunktionellen Vergnügungszentren mit Hotels, Kinos etc. Auch wenn sich darin ein gewisser Hang zum Gigantismus äußert, eröffnete man dem Zirkus so auch zukünftig eine Chance als öffentlich gefördertes Kulturgut. Im Zuge dessen wurden von Rosgoszirk auch inhaltliche Erneuerungen der Zirkuskunst eingeführt.


Vor allem zur Sowjetzeit, manchmal auch heute noch, wurden russische Zirkuskünstler zu landesweiten oder sogar internationalen Stars. Eine große Bedeutung im vergangenen Jahrhundert spielten die Clowns, deren Nummern sich durch eigenen Stil von denen im Westen abhoben. Einige artistische Requisiten und Disziplinen - etwa der Russische Barren oder die Russische Schaukel - weisen durch ihren Namen auf Ursprünge in Russland hin. Auch die Kosakenreiterei stammt natürlich aus russischen Regionen. Nicht zuletzt haben Tierdressuren in Russland eine große Tradition. Die Arten und das Repertoire der dressierten Tiere sind vielfältiger als im Westen. Der Bär als russische Symbolfigur spielt eine wichtige Rolle. Manchmal werden Tiere noch in vermenschlichenden Kostümen vorgeführt - dem Publikumsgeschmack in Russland durchaus entsprechend. Nicht untypisch für russische Zirkusprogramme sind ferner sehr lange Nummern, die mit eigenem Titel versehen als thematische Schaustücke präsentiert werden (überhaupt werden Nummern gerne Titel gegeben). So kann eine 20-/30-minütige Raubtiernummer, ein orientalisches Bild oder eine Illusionsschau einen Teil der Vorstellung dominieren.

 


Большой Московский Государственный Цирк

(Großer Moskauer Staatscircus)

Bolschoi heißt auf Russisch groß, aber auch viel. In Bezug auf den Moskauer Staatscircus soll das Wort vielleicht die Bedeutung des Betriebs hervorheben, wobei auch die Ausmaße des Gebäudes auf dem früheren Lenin-Hügel recht gigantisch sind. Der 1971 von Leonid Breschnew eröffnete Bau zählt bis heute zu den größten Zirkusgebäuden der Welt (3.400 Sitzplätze, 36 m hohe Kuppel). Obgleich in die Jahre gekommen, ist es mit zahlreichen technischen Raffinessen ausgestattet: So befinden sich in der Mitte 5 Manegen untereinander, die je nach Show (Eisrevue, Wassershow..) innerhalb von Minuten ausgetauscht werden können. Die Programme sollen nach wie vor auf hohem Niveau sein. Erstaunlicherweise untersteht der Bolschoi-Zirkus nicht der staatlichen Zirkusvereinigung Rosgoszirk (s. oben)! Ob er von der Stadt Moskau unterhalten wird, ist selbst Experten momentan ein Rätsel. Zum Ensemble gehören mehrere hundert Artisten, die von Zirkussen und Varietés in aller Welt gebucht werden. Die etwas schwerfällige Webseite ist leider nur in Russisch verfügbar.


Большой Санкт-Петербургский Гос. Цирк

(Großer St. Petersburger Staatscircus)

Der Circus in St. Petersburg gehört als ältestes Zirkusgebäude Russlands zu den ältesten erhaltenen weltweit. Er wurde 1877 vom italienischen Zirkuskünstler und -direktor Gaetano Ciniselli eröffnet, der mit seiner Familie nach St. Petersburg ausgewandert war und die Leitung mehrerer Zirkusse in verschiedenen Städten innehatte. Die Bezeichnung "Großer Staatscircus" legt nahe, dass der Circus heute zur staatlichen Rosgoszirk (s. oben) gehört - genaue Informationen liegen mir hierzu nicht vor. Häufig wird er auch Circus auf Fontanka genannt, da er unmittelbar am Ufer des Newa-Armes mit dem Namen Fontanka liegt. Das Gebäude wurde nach der Jahrtausendwende aufwändig restauriert, die alt erhaltene Fassade wieder dem Original angepasst. Der Innenraum wirkt moderner (anscheinend in der Sowjetzeit erneuert) und ist heute mit allen möglichen technischen Raffinessen ausstaffiert, so z.B. mit Düsen für große Wasserfontänen. Seit 1928 enthält das Gebäude auch ein Zirkusmuseum, das mit einer Menge Exponaten zwar zu den bedeutendsten der Welt gehört, aber zzt. nur nach Voranmeldung für Gruppen geöffnet wird bzw. kurz vor Beginn der Vorstellungen. Die Programme sind von unterschiedlicher Qualität, in der von mir besuchten Show gab es keine Live-Musik. In dem Bau werden auch internationale Veranstaltungen wie das Festival für Circus-Regisseure ausgetragen. Die Webseite ist in Russisch und Englisch verfügbar.


Московский Цирк Никулина

(Moskauer Circus Nikulin)

Der Nikulin-Circus am Tsvetnoy Boulevard im Herzen Moskaus wird von den Moskauern teilweise noch "Alter Circus" genannt. Ursprünglich stand hier ein 1880 eröffneter Zirkus des deutschen Kunstreiters Albert Salamonsky, der zu jener Zeit verschiedene Zirkusse in Europa besaß. Bis zum Bau des Bolschoi Circus (s. oben), bildete der Alte Circus das Herzstück des russischen Staatscircus. Von 1982-97 stand er unter der Direktion des berühmten Clowns und Filmschauspielers Yuri Nikulin (1921-97), daher sein heutiger Name. In Nikulins Amtszeit wurde das alte Gebäude abgerissen (1985) und durch den heutigen Bau ersetzt (1989). Die alte Frontfassade wurde originalgetreu in die neue Fassade integriert. Ebenso hat man das Innere des edel gestalteten Neubaus in vielen Details dem alten Zirkus nachempfunden, was laut Kennern zugleich eindrucksvoll und atmosphärisch-gemütlich wirkt. Die Platzkapazität (2000 Zuschauer) und die technischen Möglichkeiten wurden erweitert, heute werden hier aufwändige Zirkusprogramme, Eisrevuen u.a. Shows gezeigt. Zum Künstlerensemble gehören Spitzenartisten, die weltweit in Zirkussen und Varietés arbeiten. Der Circus Nikulin wird noch von einem Sohn Yuri Nikulins geleitet und ist als eigenständiges Unternehmen unabhängig von der staatlichen Zirkusagentur Rosgoszirk. Die Webseite läuft teilweise in Englisch, "hängt" aber immer mal wieder.


Российская гос. цирковая компания "Росгосцирк"

(Staatliche russische Zirkusgesellschaft)

Die staatliche russische Zirkusgesellschaft Rosgoszirk - so die offizielle Abkürzung - ist das direkte Nachfolgeunternehmen des Russischen Staatscircus sowjetischer Ära und bis heute die Dachorganisation der (meisten) russischen Zirkusse. Als eigen-ständiges (wenn auch staatliches) Unternehmen ist die Rosgoszirk im Prinzip der größte Zirkus der Welt. Ihr gehören 42 feste Zirkusbauten, von denen jeder einen eigenen Direktor hat, außerdem mehrere Zeltzirkusse, ein paar reisende Tierzirkusse (Menagerien), Wasser-/Eisrevuen sowie weitere spezielle Shows. Von den rund 8.000 Beschäftigten sind ca. 3.000 Artisten. Im Repertoire der Rosgoszirk befinden sich ungefähr 500 Zirkusnummern, von denen viele in eigenen Studios kreiert werden. Man produziert Zirkusfestivals an verschiedenen Orten (s. Festivals). Die Zentren der Rosgoszirk sind Moskau und Rostov am Don. Die Webseite läuft leider nur in Russisch.


Театр "Уголок дедушки Дурова"

(Tiertheater Durow, MoskauIn)

In Moskau gibt es neben den beiden großen Zirkussen (s. oben) ein drittes festes Zirkusgebäude, das ursprünglich Ende des 19. Jh. durch den sehr bekannten Tierlehrer Anatoli Durow (1887-1928) an dieser Stelle eröffnet wurde. Es liegt an der eigens nach ihm benannten Uliza Durowa, nur etwa 700 m vom Circus Nikulin entfernt. Wörtlich übersetzt aus dem Russischen heißt es in etwa: Theater "Das Eckchen/Plätzchen von Großväterchen Durow"; in Online-Reiseführern wird es auch als "Opa-Durow-Wunderland" übersetzt. Man zeigt dort Märchen und andere Stücke mit vielen, z.T. ungewöhnlichen Tieren und einigen Schauspielern; die dressierten Tiere spielen sozusagen Theaterrollen. Noch heute wird das Haus von Nachfahren Anatoli Durows geleitet. - Die Durows hatten durchaus Einfluss auf die Entwicklung der russischen Zirkuskunst, aus der Familie sind nach Anatoli weitere einflussreiche Tiertrainer hervorgegangen, die zu Sowjetzeiten sehr bekannt waren. Die Webseite ist nur in Russisch verfügbar, es gibt aber zahlreiche Bilder zu sehen. Das Dargebotene ist sicher nicht jedermanns Sache, Interessierten ist das Theater aber vor allem für einen Besuch mit Kindern zu empfehlen.