Ausgewählte Reise- und Festbau-Zirkusse in Europa, Länder O-U

In dieser immer noch recht umfangreichen Liste haben wir im Grunde nur eine kleine Auswahl von Zirkussen in Europa verlinkt, die nach unserer Einschätzung und unserem Geschmack sehenswert sind. Es gibt in manchen Ländern diverse weitere (teils gute) Zirkusunternehmen, die aber nicht zuletzt wegen der häufigen Veränderungen in der Branche den Rahmen unserer Seite sprengen würden. Da die Zirkuskultur in den einzelnen Staaten sehr unterschiedlich ausgeprägt ist, sind einige Länder hier stärker vertreten, andere hingegen gar nicht. Sowohl die Länder (Österreich bis Ungarn) als auch die jeweils darunter verlinkten Zirkusse sind in streng alphabetischer Reihenfolge aufgelistet. Auf die Webseiten der Zirkusse gelangen sie durch Anklicken der Namen in roter Schrift.

An Ländern vertreten sind in Teil 2 der Liste momentan (in alphabetischer Reihenfolge):

Österreich - Polen - Schweden - Schweiz - Spanien - Tschechien - Ungarn


Österreich


Circus Louis Knie

(häufig Deutschland-Gastspiele!)

Louis Knie Junior ist ein erfolgreicher Sprössling aus der bekannten Schweizer Zirkusfamilie, von der sich ein Zweig vor vielen Jahren in Österreich niedergelassen hatte (der Ur-Vater der Knie-Dynastie stammte übrigens auch von dort). Weil der Zirkus in Österreich zwischenzeitlich nicht gut lief, hat Louis Knie Jr. wechselnde Produktionen ins Leben gerufen, so auch Zirkus-Tourneen in Deutschland und den Niederlanden sowie den Wintercircus in Utrecht. Zwischendurch geht er aber wieder in Österreich auf Tournee. Da hier wie in den Niederlanden keine "Wildtiere" mehr auftreten dürfen, reist der Zirkus nur mit Pferden und Haustieren. Louis Knie selbst präsentiert die Pferde - manchmal auch Kühe - in hochwertigen Dressurleistungen. Ein zahlenmäßig überschaubares, aber gutes Ensemble internationaler Artisten gestaltet den akrobatischen Part. Ein Schlagzeuger sorgt immerhin für Live-Effekte.

Louis Knie 2005

(Bild von analoger Kamera)


Polen


Cyrk Korona und Cyrk Zalewski

Die beiden größten Reisezirkusse Polens - beide Mitglied in der European Circus Association (ECA) - weisen so viele Parallelen auf, dass ich sie hier gemeinsam verlinkt habe. Beide zeigen klassische Programme mit einem relativ kleinen, aber inter-nationalen Ensemble; bei Zalewski ist außerdem Magie (Illusionen) vertreten. An Tieren treten jeweils v.a. Pferde, Haustiere (Hunde, Ziegen...) und Kamele auf. Die Musik kommt in beiden Zirkussen vom Tonträger. Und schließlich präsentieren beide zu bestimmten Terminen ein "Zirkusfestival" in Warschau, d.h. ein deutlich aufgestocktes, internationales Programm. Spätestens dann lohnt sicher ein Besuch.


Schweden


Cirkus Brazil Jack

Der Cirkus Brazil Jack bezeichnet sich nicht von ungefähr als ältester Zirkus Schwedens. Die Inhaber-Familie Rhodin ist seit 150 Jahren in der Welt der Reisenden unterwegs, wenn auch nicht immer mit diesem Geschäft. Bis 2017 repräsentierte Brazil Jack den familiär geführten Reisezirkus in sehr ursprünglicher, stimmungs-voller Atmosphäre. Anlässlich des angekündigten Verbots von Elefanten und Seelöwen in schwedischen Zirkussen (die Brazil Jack gar nicht besaß) hat das Unternehmen 2018 sein Konzept umgestellt und reist seitdem ganz ohne Tiere, was man gemeinsam mit einer Organisation verkündet hat, die gegen Tiere im Zirkus aktiv ist. Der Zirkus wirbt in Internet-Videos weiterhin mit nostalgischem Flair, das u.a.. durch die Wagen und das schöne Zelt geschaffen wird. Im Programm tritt ein überschaubares, aber internationales Artistenensemble auf, teils mit bekannten Kräften besetzt. Dazu spielt nach wie vor ein kleines, aber sehr gutes Live-Orchester.


Schweiz


Circus Harlekin

Der 1992 von Monika Aegerter und Peter Pichler gegründete Circus Harlekin ist ein mittelgroßes Unternehmen mit recht kleinem Zelt, in dessen Programmen neben hauseigenen Nummern ein Ensemble hinzuengagierter, internationaler Artisten auftritt. Im tierischen Teil sind einheimische und exotische Haustiere zu erleben, ein kleines Orchester sorgt für Live-Musik. Circusfreunde sind von diesem "Bergcircus", der gerne in kleinen, hochgelegenen Orten der Schweiz gastiert, sehr angetan und beschreiben die Programme als stimmungsvoll und sehenswert. Erstaunlich ist das Aufgebot guter Artisten in diesem nach außen sehr klein wirkenden Zirkus. Hier wird klassischer Zirkus noch richtig gelebt!


Circus Monti

Der "Theater-Circus" Monti der Familie Muntwyler bildet die perfekte Ergänzung zu den hier vorgestellten Schweizer Traditionszirkussen. Die Monti-Programme werden, unter Hinzunahme von Theater-Elementen, als zusammenhängende Stücke mit thematischer Kulisse inszeniert, die Nummern dann mit passender Regie und ausgewählten Kostümen kreativ in die Szenerie eingebaut. Die artistischen Darbietungen (künstlerisch hochwertig) sind weitgehend im Stil des Nouveau Cirque gehalten, jener ursprünglich französischen Gegenbewegung zum klassischen Zirkus. Die Muntwylers gehören zwar einer traditionellen Zirkusfamilie an und traten anfangs noch mit Haustier-Dressuren auf. Seit Jahren lassen sie die Programme aber nun von versierten Theater-Regisseuren inszenieren, wobei einzelne Familien-mitglieder weiterhin zum artistischen Ensemble gehören. Die Musik kommt live von einem Qualitäts-Ensemble mit ganz eigenem Stil und eigens für das Programm komponierten Melodien. Für sein Konzept erhielt Monti schon einen Schweizer Innovationspreis. Das äußere Erscheinungsbild mit schönem Wagenpark rundet das Profil ab. Die Organisation ist hochprofessionell, aber eben nicht mehr zirkustypisch.

Monti 2007


Circus Nock

Die Familie Nock ist seit ca. 1860 mit Arena und Zirkus in der Schweiz auf Tour - und führt damit heute nicht nur den ältesten Zirkus der Alpenrepublik, sondern ebenso einen der ältesten Reisezirkusse Europas. Der nach dem Nationalcircus Knie (s. unten) zweitgrößte Schweizer Zeltzirkus zeigt neben (meist) hauseigenen, stilvollen Tierdressuren eine Reihe internationaler Artisten und Clowns in mitunter starken Programmen. Die lichttechnisch gut inszenierten Shows werden von einem Live-Orchester abgerundet. Vielleicht kann man diesen Zirkus im Vergleich zu Knie als "ursprünglicher" in seiner Ausstrahlung bezeichnen. Er gehört auf jeden Fall zu den Schweizer Qualitätsadressen.

Nock 2011


Circus Royal

Der Circus Royal wurde 1963 von der Schweizer Zirkusfamilie Gasser-Stey gegründet. Nach dem überraschenden Tod (2018) von Peter Gasser, dem letzten Geschäftsführer aus der Stammfamilie, wird der Zirkus heute von dessen Lebensgefährten Oliver Skreinig geführt, der schon zuvor die Co-Leitung innehatte und einen großen Teil der Tiernummern präsentiert. Die Programme waren in den letzten Jahren von schwankender Qualität, Royal bietet aber immer ein klassisches Komplettprogramm - inzwischen auch wieder mit Live-Musik! Ein überschaubares, aber gutes Ensemble internationaler Artisten sorgt für einen ausgewogenen akrobatischen Teil. Hin und wieder werden zu den hauseigenen Tierdressuren weitere hinzuengagiert (zuletzt die einzigen Raubtiere in einem Schweizer Zirkus). Der clownesque Part darf nicht fehlen, wenn er auch aufgrund mangelnden Angebots an guten Clowns schwerlich auf dem früher hohen Niveau der Royal-Clownerie gehalten werden kann. - Im Winter zeigt Royal eine Weihnachtsshow. Über die Gastspielorte des Weihnachtscircus informiert die Webseite. Leider findet man dort nur wenige Infos über das aktuelle Programm.

Royal 2007


Schweizer National-Circus Knie

Der größte Zirkus der Schweiz existiert seit 1919 - vorher zogen die Knies aber schon rd. 100 Jahre als Seiltänzertruppe umher - und gehört zweifellos zu den bedeutendsten Zirkussen weltweit. Für die Programme werden ausschließlich internationale Spitzen-artisten, darunter etliche Preisträger engagiert; im clownesquen Part treten aus Funk und Fernsehen bekannte Komiker auf. Das Live-Orchester kommt, wie so oft heutzutage, nur teilweise zum Einsatz, viele Artisten bringen "ihre" Musik auf Tonträger mit. Die hauseigenen Tiernummern (v.a. Pferde) gehören in der Zirkuswelt zum Besten in diesem Bereich, auch was den Umgang mit den Tieren betrifft. Die meisten Tiere leben inzwischen im eigenen Zoo in Rapperswil nahe Zürich, wo die Knies sogar asiatische Elefanten züchten. Nach Protesten von Tierrechtlern gehen die Dickhäuter nicht mehr mit auf Tournee, obwohl gerade Knie ein echtes Vorbild in Sachen Elefantenhaltung war. Ungeachtet dessen ist der Circus Knie ganz großer und zugleich traditionell-familiärer Zirkus, mit hohem Stellenwert in der Schweizer Öffentlichkeit. In der nunmehr 8. Generation vermischt sich übrigens durch Einheirat die Linie der Knies mit der traditionsreichen italienischen Artistenfamilie Errani.

Knie 2010


Spanien


Gran Circo Mundial

Der Gran Circo Mundial - übersetzt eigentlich "Großer Weltcircus" - unter der Leitung von José Maria Gonzáles Villa gehört zu den großen Reisezirkussen in Europa. Im Programm sind internationale Truppen engagiert, darunter teilweise Spitzen-nummern. Dafür verzichtet man auf ein Orchester. Es wird klassischer Circus mit Tieren, Clowns und Akrobaten geboten. - Bislang fehlen mir nähere Informationen über das Unternehmen, die bei Gelegenheit ergänzt werden. Die Webseite ist nur in Spanisch verfügbar.


Tschechien


Cirkus Humberto

Der für Zirkusfreunde klangvolle Name Humberto bezeichnete einst einen bekannten Teil des tschechischen Staatscircus zu Zeiten des Sozialismus. Ein Zweig der weit-verzweigten tschechischen Familie Navratil hat die Namensrechte erworben und führt heute dieses mittelgroße Unternehmen, in dessen Programmen eine zweite Familie Navratil sowie wenige hinzuengagierte Artisten auftreten. Dennoch wird hier insgesamt ein reichhaltiges und teilweise leistungsstarkes Programm geboten. Wie in den meisten klassischen Zirkussen Tschechiens treten neben vielen anderen Tieren (darunter Elefanten) auch Braunbären auf. Übrigens reist auch in Deutschland ein kleiner Zirkus unter dem Namen Humberto.


Národni Cirkus Originál Berousek

(deutsch: Nationalcircus Original Berousek)

Die Berouseks gehören zu den bekanntesten Zirkusfamilien in Tschechien. Ihre Tradition reicht Jahrhunderte zurück, schon früher besaßen Vorfahren eigene Zirkusse. In der sozialistischen Ära wurde der Zirkus von Jirí Berousek mehrfach enteignet, die Familie war aber mit den international bekannten Bärendressuren im Ausland engagiert, u.a. bei Ringling in den USA. 1990 gründete Jirí Berousek den ersten tschechischen Privatzirkus nach der politischen Wende. Er wurde 2002 vom Kulturminister zum "Nationalcircus" ausgerufen und erhielt 2009 den Hauptpreis beim Circusfestival in Bukarest. Der Original Circus Berousek gehört zu den größeren reisenden Zirkussen in Tschechien. Viele Nummern - so die hochwertigen Tier-dressuren - werden von der Familie selbst präsentiert, vor allem von der Direktion Jirí Junior und seiner Frau. Daneben werden auch Artisten und Clowns hinzuengagiert. Trotz fehlender Live-Musik wurde das Programm in der Circuszeitung 2011 "mit Klasse und Liebe zum Detail" beschrieben. In der Nähe von Prag dient ein ehemaliges Schlösschen als Winterquartier, wo die Tiere (unter anderem einige Bären) adäquat untergebracht sind.


Ungarn


In Ungarn genießt die Zirkuskunst seit langem einen hohen Stellenwert und wird vom Staat als Kulturgut wertgeschätzt. Laut Experten gibt es in den letzten Jahren eine interessante zweigeteilte Entwicklung: In der Hauptstadt Budapest mit ihrem großen Festbau-Zirkus (s. unten) und einer renommierten Artistenschule werden in den letzten Jahren vorwiegend zeitgenössische Produktionen geboten bzw. Programme mit übergreifendem thematischen Bogen, die teilweise andere Künste wie Schauspiel, Tanz, Eiskunstlauf oder Puppenspiel mit Artistik vereinen. Diese neueren Konzepte schließen Tierdressuren nicht grundsätzlich aus - anders als der Nouveau Cirque in Westeuropa und Kanada. Der andere Strang der ungarischen Zirkus-kunst ist der traditionelle Zirkus, der in großen Zeltzirkussen des Landes weiterhin auf z.T. hohem Niveau gepflegt wird, wobei auch dort neue Trends aus Westeuropa einfließen. Dabei buhlen die Unternehmen zunehmend um Touristen, weshalb sich viele Zirkusse im Sommer um den Balaton (Plattensee) scharen, die beliebteste Urlaubsregion des Landes. Die dortige Häufung von Zirkussen wird langsam zum Problem, da man sich gegenseitig Besucher abringt. Wir verlinken hier die angestammten und konstanteren großen Zirkusse, die auf jeden Fall zu empfehlen sind. 


Fövárosi Nagycirkusz

(deutsch: Großer Hauptstadtcircus; Budapest)

Der Zirkusbau in Budapest wirbt in seinem Logo mit einer Tradition seit 1889. Das heutige Gebäude - in einem großen Freizeitpark relativ zentral gelegen - wurde 1971 anstelle eines älteren Baus eröffnet. Äußerlich trägt das Gebäude den wenig ästhetischen Charme aus der Zeit des Sozialismus, es ist aber so gesehen ein wichtiges Baudenkmal und atmet laut Insidern einen Glanz vergangener Zeiten. Die technische Ausstattung ist voll auf der Höhe der Zeit. Die Leitung liegt derzeit bei Peter Fekete. Hier werden Zirkusshows von sehr unterschiedlichem Charakter geboten, von "Circus unter Wasser" über Eisshows bis hin zu Märchenerzählungen mit integrierten Schauspiel-, Tanz- und Puppenelementen. So wechseln sich über das ganze Jahr verschiedene Produktionen ab. Alle 2 Jahre wird hier im Januar das Inter-nationale Circusfestival von Budapest veranstaltet (s. Seite mit Festivals), das nach Monte-Carlo zu den ältesten und größten Festivals der Welt gehört. Informationen darüber gibt es auf der hier verlinkte Webseite.

Festbau Budapest 2017


Magyar Nemzeti Cirkusz

(deutsch: Ungarischer Nationalcircus)

Der Zirkus, der als Ungarns Nationalcircus firmiert, wird von der international bekannten und staatlicherseits hochgeschätzten Familie József Richter geführt, die in verschiedenen Generationen mehrfach den Silbernen und Goldenen Clown beim Circusfestival in Monte-Carlo gewann, vor allem für ihre hochwertigen Pferde- und Reitdarbietungen. Den Ungarischen Nationalcircus gründeten József und Carola Richter (geb. Renz) 1995. Man bietet klassischen Circus, der zumindest in der Vergangenheit sehr schön dekoriert und von qualitätsvoller ungarischer Livemusik begleitet war. Nach wie vor spielt ein gutes Orchester und werden Traditions-nummern  in Trachtenkostümen gepflegt, doch haben auch moderne Trends wie Motorrad-Stunts u.a. Einzug erhalten. Zu den Familiennummern, deren Höhepunkt traditionell die weltbekannte Jockey-Reitertruppe (inzwischen unter der Leitung von József Richter Jr.) bildet, werden einige international renommierte Artisten hinzu-engagiert. Die klassischen Programme zeigen einen hohen Anteil an Tiernummern. Durch die Heirat von József Richter Jr. mit der deutschen Zirkusfrau Merrylu Casselly ist 2017 eine Verquickung zweier angestammter Zirkusfamilien entstanden. Ob die ganze Familie Casselly (ebenfalls Goldgewinner in Monte-Carlo, mit Pferden und Elefanten) für längere Zeit beim Ungarischen Nationalcircus bleibt, ist abzuwarten. - Wie alle Zeltzirkusse, so gastiert auch der Ungarische Nationalcircus im Juli/August am Plattensee (Balaton), wo man für die dort ansässigen Urlauber spielt. 


Richter Flórián Cirkusz

(deutsch: Circus Florian Richter)

Die Familie Flórián Richter aus der renommierten ungarischen Zirkusfamilie hat sich Mitte der 2010er-Jahre vom National-Circus der Eltern und des Bruders (s. oben) gelöst und einen eigenen Reisezirkus gegründet, der unter Leitung des versierten Pferdefachmanns  Flórián Richter nach wie vor hochwertige Pferdedressuren - teils kombiniert mit artistischen Kunststücken - bietet und somit die klassische Zirkus-Tradition am Laufen hält. Zu diversen Familiennummern werden internationale Artisten hinzuengagiert, darunter auch neue "westliche" Trendnummern wie Motorrad-Stunts oder Lasershow. Von Live-Musik ist mir derzeit nichts bekannt, wobei man vermutlich ein Orchester mitführt. Wie die übrigen ungarischen Zeltzirkusse, so gastiert auch der Circus Flórián Richter im Sommer mehrere Wochen am Balaton (Plattensee).