Aus dem Alltag deutscher Reisezirkusse: Hintergründe und Probleme


"Nirgends auf der Welt, dachte Nabil [...], liegen Lüge und Wahrheit, Schönheit und Hässlichkeit, Glanz und Elend so nahe beieinander wie im Circus."

(Rafik Schami, "Reise zwischen Nacht und Morgen")

 

"Auch ohne Kostüm wirken [die Artisten] glamourös. Die farblosen Arbeiter, die überall umherlaufen, existieren zwar im gleichen Universum, aber offenbar in einer anderen Dimension. Sie reagieren mit keiner Geste aufeinander."

(Sara Gruen, "Wasser für die Elefanten")

 


Parallelwelt Zirkus

Hinter den Kulissen eines reisenden Zirkus geht es weitaus weniger romantisch zu, als manche Menschen sich das vorstellen. Harte Arbeit bestimmt den Alltag, und wer im Zirkus mitreisen will, braucht wohl so etwas wie ein dickes Fell.

Wichtig für die Betrachtung des Sozialgefüges eines Zirkus ist die Unterscheidung zwischen Artisten und Chefs auf der einen und Arbeitern (Zirkussprache: „Racklos“) auf der anderen Seite. Diese grobe Zweiteilung, die sozusagen über der differenzierten Hierarchie der Mitarbeiter steht, hat bis heute überstanden. Oft findet so gut wie keine Kommunikation zwischen den beiden "Lagern" statt. Die Arbeiter stehen in der Rangliste seit je her weit unten und müssen sich deshalb mit weitaus geringerem Lohn und Komfort begnügen als die Artisten. Sie sind im wahrsten Sinne des Wortes Mitreisende zweiter Klasse. - Was die Sozialromantik ebenfalls schmälert, ist der oftmals raue Ton unter den Mitarbeitern.

Abgesehen von sozialen Rangunterschieden haben alle Zirkusleute eines gemeinsam: sie sind ständig unterwegs. Die Welt der „Fahrenden“ ist seit je her eine Parallelwelt zum bürgerlichen Dasein der „Privaten“ *. Wenn man dazugehören will, erwarten Zirkusleute, dass man sein früheres, bürgerliches Leben aufgibt und den Zirkus fortan als Arbeitsplatz und Wohnort betrachtet. Mitreisende „von Privat“ haben mir erzählt, dass sie ihren kompletten früheren Freundeskreis aufgegeben haben. Anfangs lassen einen die Zirkusleute jedoch gerne die Distanz spüren. Den Privaten / Bürgerlichen / „Gadjos“ ² gegenüber überwiegt verhaltene Skepsis, und oft braucht es eine Weile, bis die Reisenden „auftauen“.

Freilich haben viele Reisende irgendwo etwas Festes - eine Wohnung, ein Haus, ein Grundstück. Da aber die Saison lang ist und für die Artisten auch im Winter viele Engagements auf dem Plan stehen, halten sie sich nie länger an festen Wohnorten auf. Nicht wenige von ihnen haben tatsächlich keine feste Anlaufstelle, sondern leben dauerhaft im Wohnwagen.

*) Private (Circussprache) = alle Personen, die nicht zum Zirkus gehören

²) Gadjos (Circussprache) = gleiche Bedeutung wie 'Private'. Das Wort stammt aus der Sinti-Sprache, obwohl tatsächlich nur wenige Zigeuner in Zirkussen arbeiten. 'Gadjo' nennen die Sinti alle Nicht-Sinti. (Erläuterung aus dem Circus-Lexikon von Schulz/Ehlert)

Prinzipale und Patriarchen

Der Zirkusdirektor wird in manchen, insbesondere kleineren Unternehmen noch heute als „Prinzipal“ * bezeichnet. Carl Krone vom bekannten Münchener Großzirkus nannte sich in den 1920er/30er Jahren sogar „Zirkuskönig“, weil das Unternehmen immer an der Spitze der europäischen Zirkusse stand. So gibt es zwischen den Zirkussen Rangunterschiede je nach Unternehmensgröße. In früheren Zeiten rechnete man haarspalterisch die Zahl der Pferde, Elefanten und anderer Tierarten auf oder orientierte sich an der Zahl der Mitarbeiter oder der Größe des Fuhrparks, um die Konkurrenz zu überbieten. Die klassische Einteilung in Groß- und Familienzirkusse (mit der Zwischenstufe der Mittelzirkusse) macht indes heute kaum mehr Sinn, da viele Familienzirkusse respektable Programme bieten, während die eigentlichen Großzirkusse beträchtlich geschrumpft sind oder ganz eingestellt wurden.

*) 'Prinzipal' wurden vor der Entstehung des Circus auch Chefs von Kunstreiter- und Seiltänzertruppen genannt. Laut Wikipedia ist der Ausdruck aber auch eine veralterte Bezeichnung für Lehrmeister, Schulleiter, Geschäftsinhaber oder Vorgesetzter. Der Begriff wird im Handelsgesetzbuch (§§ 55, 60 ff., 74 ff. HGB) für den Inhaber einer kaufmännischen Unternehmung verwendet.

Sprösslinge aus klassischen Zirkusfamilien suchen sich als Lebenspartner/in fast immer Personen aus der eigenen Zunft. Es ist nicht nur eine Frage der persönlichen Haltung, sondern hängt einfach auch damit zusammen, dass sich die Lebenswelten von Reisenden und Privaten so extrem unterscheiden. Für eine beidseitige Liebesbeziehung muss einer der Partner sein bisheriges Leben im Prinzip aufgeben, um die Beziehung dauerhaft führen zu können. Ungeachtet dieser scheinbaren Kluft kommen immer wieder Ehen zwischen Artisten und Bürgerlichen zustande. In den Kleinzirkussen haben die Eltern teilweise noch weitreichende innerfamiliäre Entscheidungsbefugnisse und nehmen Einfluss auf die Heiratspläne ihrer Kinder. Bei Hochzeiten zwischen Gauklerfamilien zieht die angeheiratete Frau in der Regel in den Zirkus des Ehemanns und nicht umgekehrt. Ebenso sind viele Familien in Kleinzirkussen nach wie vor patriarchalisch strukturiert: Der Vater als Familienoberhaupt hat das Sagen, ohne den Chef kann nichts entschieden werden. Solche familiäre Strukturen findet man in den großen, von einer professionellen „Chefetage“ geführten Zirkussen freilich nicht mehr.

Bunte Belegschaft

Da im Zirkus gewöhnlich niemand wegen seiner Nationalität oder anderer persönlicher Merkmale diskriminiert wird, verstoßen die Wanderzirkusse mit ihrer sozialen Hierarchie - so unsympathisch diese auch erscheinen mag - nicht gegen bestehende Anti-Diskriminierungsgesetze. Im Büro- und Pressebereich der Reisezirkusse arbeiten übrigens recht viele Homosexuelle. Auch was dieses Thema anbelangt, sind mir bislang keine Beschwerden über Ausgrenzung bekannt. Bei meinen probeweisen Bewerbungen zum Pressesprecher 2007 hatte ich sogar den Eindruck, dass meine gleichgeschlechtliche Orientierung eher begrüßt wurde, wahrscheinlich in der Hoffnung, dass ich nicht durch familiäre Verpflichtungen außerhalb des Zirkus gebunden sein würde. Dementsprechend rief eher die Erwähnung meiner festen Partnerschaft (unabhängig von der sexuellen Orientierung) besorgtes Stirnrunzeln bei den Tourneeleitern hervor.

Die Artisten

Die Artisten, die vom Zirkus für eine oder mehrere Saisons verpflichtet werden, haben in der Regel eine bedeutend höhere Stellung als die Arbeiter. Internationale Spitzenartisten verdienen sehr gutes Geld und können sich große Luxuswagen oder Hotelzimmer leisten. Mit der Zugkraft der Nummer steigt der Wert eines Artisten. Hochkarätige Preisträger wie die Gewinner des Zirkusfestivals von Monte Carlo verlangen hohe Gagen und sind daher für kleine Zirkusse zu teuer. Selbst in großen Zirkussen bekommt man häufig nur einzelne hochpreisige Nummern zu sehen. Die Gagen werden monatlich, wöchentlich, oder - bei kürzeren Engagements wie Weihnachtszirkussen - pro Gastspiel ausgezahlt. Auch pro Tag kann eine Gage festgelegt werden. In unseriösen Zirkussen führen ausbleibende Gagen manchmal zum vorzeitigen Ausscheiden von Truppen aus laufenden Saisonprogrammen. So etwas ist natürlich immer ein schlechtes Aushängeschild für einen Zirkus.

Die meisten Zirkusse engagieren heute nur noch Artisten, die mehrere Nummern im Repertoire haben. Der Vorteil besteht darin, dass der Zirkus die Truppe oder den Einzelartist „nur“ insgesamt bezahlen muss; der Preis für die einzelnen Darbietungen sinkt. Erheblich teurer sind Programme, in denen jede Nummer von anderen Artisten dargeboten wird. Der gehäufte Einsatz von Allroundartisten kann so zulasten der Programmqualität gehen, wobei es auch vielseitige Spitzenartisten gibt. – Ist eine Nummer einmal einstudiert, sind keine dauernden Proben mehr erforderlich. Die Routine wird durch die täglichen Vorstellungen aufrechterhalten, und für manche Spitzenartisten würde es sogar eine gewisse Blöße darstellen, wenn sie tägliche Proben nötig hätten. So haben die Artisten unter allen Mitreisenden im Zirkus die meiste Freizeit. Die größte Einschränkung besteht wohl darin, dass sie sich nie länger vom Zirkusplatz entfernen können. Urlaub oder Ferien sind in der Zirkuswelt beinahe Fremdwörter.

Ständig am Arbeitsplatz

Denn ähnlich wie auf einem Schiff, so verbringen auch die Menschen im Zirkus ihren gesamten Tagesablauf am Arbeitsplatz*. Es bedeutet nicht zwangsläufig, dass man rund um die Uhr schuften muss. Dennoch ist man theoretisch immer abrufbar, zumindest wenn Not am Mann ist. Die Aufgaben sind aber in der Regel klar abgegrenzt: Der Pressesprecher oder die Büromitarbeiter eines Zirkus müssen beispielsweise nicht beim Zeltaufbau oder bei Stallarbeiten mit anpacken. Allroundarbeiter gibt es nur in kleinen Wanderzirkussen. Auch dass Artisten in der Pause Popcorn verkaufen, ist eher in kleineren Unternehmen üblich. Die Kasse wird hingegen auch in größeren Betrieben häufig von der Zirkusfamilie selbst übernommen.

*) Der amerikanische Soziologe Erving Goffman (1922 - 1982) hätte Zirkusse vielleicht als Variante einer „Totalen Institution“ betrachtet.

Bescheidener Lebensstandard

Der Komfort im Zirkus ist bescheiden, auch wenn Artisten und Chefs teilweise in Luxuswagen leben. Man muss sich aber auch als "First-Class-Reisender" im Klaren darüber sein, was das Leben im Wohnwagen konkret bedeutet: Auf den Zirkusplätzen ist es oft ziemlich dreckig. Bei Regenwetter hat man ein Schlammfeld direkt vor der Haustür. Der Wagen muss von Ort zu Ort bewegt werden, hin und wieder gibt es technische Pannen oder man bleibt unterwegs stecken oder kommt wegen Schnee und Glatteis nicht voran. Der Platz im Wohnwagen ist begrenzt. Wenn man Glück hat, kann man sich einen Wohnwagen mit WC oder Dusche leisten (oder bekommt einen solchen gestellt), das ist aber nicht selbstverständlich. Sogar in größeren Zirkussen müssen sich auch ranghöhere Mitarbeiter/innen manchmal mit Gemeinschaftsduschen und -toiletten in separaten Wagen begnügen. Wenn es im Winter friert, gibt es Probleme mit den Wasseranschlüssen. Ein Jahrmarkts-Schausteller, der nur im Wohnwagen lebt, berichtete mir einmal, dass er bei Dauerfrost tagelang das Wasser laufen lassen musste, damit die Leitung nicht zufror. Warmwasser gibt es ohnehin nur, wenn ein Zugang zu einer Wasserheizung besteht oder ein entsprechender Apparat im Wohnwagen installiert ist.

Früher war es in Großzirkussen Gang und Gäbe, dass die Mitreisenden drei Mahlzeiten am Tag erhielten. Eine Zirkusküche in der Art einer Kantine war dafür zuständig. Diesen Komfort gibt es heute nur noch in sehr großen Reisezirkussen oder in Ländern mit guten Standards (Beispiel: Schweiz). In den meisten - auch größeren - deutschen Unternehmen müssen sich die Mitreisenden inzwischen selbst beköstigen. In kleinen Familienzirkussen kann vielleicht mit der Zirkusfamilie gemeinsam Mittag essen, wenn man einen Draht zur Familie hat oder in entsprechend wichtiger Funktion dort arbeitet (ich wurde schon mal als Berichterstatter einer Lokalzeitung zum Essen eingeladen).

Geringe soziale Absicherung

Auch die Standards bezüglich der Arbeitsverträge haben deutlich nachgelassen, was heute ja auch außerhalb der Zirkusbranche vielfach der Fall ist. Im Blick auf die Zirkuswelt lässt sich durchaus von so etwas wie der "guten alten Zeit" sprechen. Besonders umfassend war die soziale Absicherung im ehemaligen Staatscircus der DDR. Dort reisten sogar Ärzte und Krankenschwestern mit; unter einem bestimmten Niveau durften die staatlichen Zirkusbetriebe gar nicht erst auf Tournee gehen. Aber auch in westdeutschen Großzirkussen konnte man in den 1950er bis -70er Jahren in einem ordentlichen Arbeitsverhältnis angemessen Geld verdienen und war sozusagen rundum versorgt.

Während es z.B. in der Schweiz (wo der Zirkus einen anderen Stellenwert genießt) gesetzlich vorgeschrieben ist, Mitarbeiter/innen eines Zirkus sozialversicherungspflichtig zu beschäftigen, gibt es in deutschen Zirkussen heute oftmals nur einen vereinbarten Betrag bar auf die Hand. Geld ist im Zirkus ohnehin ein schwieriges Thema. Ich habe mitbekommen, dass der Verhandlungspunkt in Bewerbungsgesprächen bis zuletzt aufgeschoben wird. Als Bewerber/in muss man - auch in höheren Funktionen - auf Sparflamme verhandeln, es sei denn man ist Spitzenartist. In einem unseriösen Zirkus kann es passieren, dass das versprochene Geld verzögert oder gar nicht ausgezahlt wird. Davon sind dann vor allem rangniedere Arbeiter betroffen. Ausländische Wanderarbeiter nehmen solche Zustände in Kauf, weil sie froh sind, überhaupt mit dem Zirkus reisen zu dürfen. In den ganz großen Unternehmen gibt es Derartiges freilich nicht.

Mangelnde öffentliche Unterstützung

Die verschlechterten infrastrukturellen und sozialen Bedingungen in den Zirkussen liegen sicher nur zum Teil an den allgemein populär gewordenen Kapitalisten-Allüren von Unternehmern. Ein Großteil des Problems ist wohl auf die erschwerten öffentlichen Voraussetzungen zurückzuführen. Viele Städte und Gemeinden stellen für Zirkusgastspiele keine zentral gelegenen Plätze mehr zur Verfügung. Innerstädtische Flächen sind aus Sicht der Stadtplaner zu kostbar, um sie als Freifläche für Jahrmärkte oder Zirkusse zu „verschenken“. So fallen immer mehr Grundstücke dem Bauwahn und der so genannten Gentrifizierung zum Opfer. Zirkusse müssen entweder am Stadtrand auf „grünen Wiesen“ gastieren, wo sie schwer erreichbar sind, oder auf engen innerstädtischen Grundstücken, die manchmal alles andere als ansehnlich sind. In Hamburg ist den Großzirkussen zudem das freie Plakatieren verboten, dabei sind gerade Plakate als verhältnismäßig kostengünstige Blickfänger nach wie vor maßgeblich im Werbekonzept reisender Zirkusse.

Da Zirkuskunst in Deutschland kein öffentliches Kulturgut ist, werden Zirkusse nicht - wie Theater oder Oper - öffentlich subventioniert, d.h. die Unternehmen müssen sämtliche Kosten selbst bestreiten. Die Ausgaben eines Reisezirkus sind enorm hoch: Teure Platzmieten müssen bezahlt werden; Stromkosten fallen an; Benzin und Reparaturen für die Transportfahrzeuge; Futter und Unterbringung für die Tiere; Ausgaben für Werbung und Reklame; Entlohnung der Mitarbeiter/innen und Gagen für die Artisten - schließlich noch eine ganze Reihe steuerlicher Abgaben, von denen die Zirkusbranche besonders hart betroffen ist. Andererseits erwarten die Zuschauer ein gutes Programm und eine vorbildliche Tierhaltung. Beides ist jedoch nur realisierbar, wenn einem Zirkus genügend Geld und Platz zur Verfügung stehen. Ohne Subventionen müssen die Zirkusse entsprechend hohe Eintrittspreise nehmen, wenn sie einigermaßen respektable Programme bieten wollen.

Es entsteht ein Teufelskreis: Eine Familie mit Kindern, wo die Eltern vielleicht noch Arbeitslosengeld II („Hartz IV“) beziehen, kann sich einen Zirkusbesuch kaum mehr leisten, und dabei hat ja gerade der Zirkus seit je her den Anspruch, für alle Bevölkerungsschichten interessant zu sein. Hohe Eintrittspreise halten immer mehr Menschen – darunter Teile der Kern-Klientel – von Zirkusbesuchen ab. In der Oper und im Theater bekommt man inzwischen für weniger Geld gute Plätze. Diese Kulturformen werden zu Recht mit hohen Summen aus Steuergeldern subventioniert; das gleiche Recht könnte dem Zirkus zukommen.

Regulierungswut contra "Fahrendes Volk"

Stattdessen macht eine Flut von Gesetzen und Regelungen auf kommunaler, Landes-, Bundes- und EU-Ebene den reisenden Zirkussen zu schaffen. Nach einem EU-Gesetz dürfen Arbeitskräfte aus Nicht-EU-Staaten („Drittstaaten“) nicht mehr einfach angeheuert werden. In Zirkussen arbeiten aber traditionell viele Wanderarbeiter aus allen möglichen Ländern, die für Auf- und Abbauarbeiten zuständig sind. Ihre Aufenthalts- bzw. Arbeitsgenehmigungen werden durch solche gesetzlichen Bestimmungen erschwert. Auch Sicherheitsvorschriften werden immer strenger. So dürfen in Norddeutschland kleinere Zirkusse, die noch nostalgische Zelte mit schräg stehenden Sturmstangen haben, nicht mehr in Küstennähe gastieren, obwohl es nie nennenswerte Zwischenfälle gab. Ein großes Thema sind die Tierschutzbestimmungen, deren Erfüllung den Zirkussen aufgrund der schlechten Plätze erschwert wird (trotzdem übertreffen zahlreiche Unternehmen die gesetzlichen Vorschriften!). Kampagnen von Tierrechtsorganisationen setzen den Zirkussen zu, sie haben längst die politisch-parlamentarische Ebene erreicht (s. hierzu auf der Seite zu Zirkustieren). Viele Kommunen verbieten inzwischen Gastspiele von Zirkussen mit exotischen Tierarten.

Mangel an qualifiziertem Nachwuchs

Die schwierigen Bedingungen, unter denen Zirkusse heute reisen, machen die Branche zunehmend unattraktiv für qualifizierte Artisten, zumindest für solche aus westeuropäischen Ländern. Zwar gibt es beispielsweise in Berlin eine staatliche Schule für Artistik und Ballett. Die Absolventen orientieren sich aber größtenteils in Richtung Varieté, Gala-Event oder Fernsehshow. Zum Teil liegt das an der künstlerischen Ausrichtung der europäischen Artistenschulen, die sich überwiegend auf neue Formen der Zirkuskunst (Nouveau Cirque, s. Vielfalt der Zirkuswelt) spezialisiert haben; ihre Produktionen sind nicht immer kompatibel mit klassischen Zirkusprogrammen. Großenteils dürften aber die Lebensbedingungen in den Wanderzirkussen ausschlaggebend dafür sein, dass kaum noch Absolventen öffentlicher Schulen den Weg in die Zirkuszelte finden. Wenige Menschen möchten heute noch auf Komfort verzichten und in einem Wohnwagen auf schlammigen Zirkusplätzen wohnen. Wenn dann noch die Arbeitsverträge unsicher sind und die Gagen nicht den finanziellen Erwartungen entsprechen, hat sich die Sache schnell erledigt. Zwar wächst in den zahlreichen kleinen Familienzirkussen artistischer Nachwuchs heran - meistens bleiben diese Leute aber im eigenen Familienbetrieb, anstatt eine größere Laufbahn einzuschlagen.

Selbst gemachte Probleme der Branche

Es gibt in Deutschland heute weitaus mehr Wanderzirkusse als im vergangenen Jahrhundert. Leider sind viele Zirkusfamilien untereinander "verkracht" und haben weit verzweigte Einzelunternehmen gegründet, die sich mit gleichem Namen gegenseitig Konkurrenz machen. Gut klingende, bekannte Namen werden mitunter unseriös verwendet. Das exzessive Verteilen tierschaupflichtiger Freikarten durch manche Zirkusse suggeriert den Zuschauern, sie bekämen guten Zirkus zum Spottpreis zu sehen. Oder es werden Attraktionen angekündigt, die der Zirkus gar nicht mit sich führt. Ein unbedarfter Besucher weiß letztlich nicht, welcher Zirkus qualitativ gut ist. Möglicherweise landet er in einem bescheidenen Programm, für das er relativ viel Geld ausgegeben hat; den nächsten Zirkus meidet er dann lieber, obwohl dieser viel bessere Qualität geboten hätte. Außerdem halten sich manche Zirkusse nicht an getroffene Absprachen mit den Behörden der Gastspielorte. Städte und Gemeinden haben mitunter Ärger mit Zirkussen, die den Platz in schlechtem Zustand hinterlassen oder nicht in der vereinbarten Frist verlassen. Und nicht zuletzt denken viele Zirkusse nach wie vor in erster Linie an ihren eigenen Vorteil, anstatt sich mit anderen zu einer Interessengemeinschaft zusammenzuschließen. Das starke Konkurrenzdenken ist seit alters her nicht untypisch für die Branche.

Spärliche Lobby / Verband deutscher Circusunternehmen

Mit Politik haben bzw. hatten die meisten Zirkusleute eigentlich nichts am Hut. 2016 jedoch gründeten einige deutsche Zirkusdirektoren und Artisten den Verband deutscher Circusunternehmen (VdCU e.V.), der als öffentliches Organ – ähnlich dem schon lange existierenden Schaustellerverband – Möglichkeiten der politischen Einflussnahme hat. Ferner gibt es als Dachorganisationen die European Circus Association (ECA) und die Féderation Mondiale du Cirque mit Prinzessin Stéphanie von Monaco als Ehrenpräsidentin. Liebhaber der Zirkuskunst sind teilweise organisiert in Vereinen wie der Gesellschaft der Circusfreunde (GCD) e.V., in der ich selbst Mitglied bin. Zunehmend werden auch solche Gruppierungen politisch aktiv, sie haben jedoch (etwa im Vergleich mit den vermögenden Tierrechtsorganisationen) nur sehr begrenzt Einfluss auf Medien und Politik. Leider werden auch im Fernsehen seit Jahren Sendeformate für Zirkusshows systematisch abgespeckt oder eingefroren (vielfach auf Druck von Tierrechtlern), wobei sich dieser Trend in jüngster Zeit teilweise wieder umkehrt.

Von politischer Seite gibt es nur selten konkrete Stellungnahmen für den Zirkus. Am ehesten kam in den vergangenen Jahrzehnten Unterstützung aus den Reihen der CDU, was ich hier nur neutral erwähne (ich mache mich im Wählerverhalten nicht vom Zirkusthema abhängig). So hieß es schon 2009 in einer Presseerklärung der CDU-/CSU-Bundestagsfraktion: "Das Kulturgut Zirkus muss Bestand haben. Der Kontakt und die Liebe vom Mensch zum Tier wird im Zirkus gefördert und geschult. Wir wollen auch weiterhin das Leuchten in den Kinderaugen sehen, wenn sie einen Zirkus besuchen." (Abgedruckt im Programmheft des 15. Gelsenkirchener Weihnachtscircus, Circus Probst). Bereits 2005 stimmten im EU-Parlament in Brüssel Abgeordnete parteiübergreifend mit großer Mehrheit für einen Antrag der damaligen saarländischen CDU-Abgeordneten Doris Pack. In der Resolution wurde "mehr Anerkennung und Unterstützung für den traditionellen Circus" in Europa gefordert: "Das Europäische Parlament [...] 1. fordert die Kommission auf, konkrete Schritte einzuleiten, um zu einer Anerkennung des Zirkus als Teil der Kultur Europas zu gelangen. 2. ersucht die Mitgliedstaaten, die dies nicht bereits getan haben, den Zirkus als Teil der Kultur Europas anzuerkennen." Deutschland ist dieser Empfehlung des EU-Parlaments bisher nicht nachgekommen.

Um die Zirkusse zu unterstützen, kann ich persönlich nur dazu ermuntern, Programme in der Nähe Ihres Wohnortes oder am Urlaubsort zu besuchen. Denn gute Shows werden trotz aller Schwierigkeiten weiterhin geboten. Und jedes Jahr um Weihnachten boomt das Geschäft der Weihnachtszirkusse in Deutschland derart (viele reisende Zirkusse machen in dieser Zeit ihr Hauptgeschäft!), dass hierzulande ein wahres Zentrum internationaler Zirkuskunst entstanden ist. Spätestens dann wird deutlich, wie viele Menschen sich vom klassischen Zirkus nach wie vor verzaubern lassen. Eine Fernsehübertragung kann schließlich niemals das Live-Erlebnis im Chapiteau ersetzen!