Tiere im Zirkus - Allgemeines und politische Diskussion

(unten auf der Seite: Film über Tierhaltung im Circus Probst 2014)


Um es gleich am Anfang zu erklären: Wir unterstützen den Zirkus mit Tieren, wenn wir Tierhaltung auch nicht um jeden Preis befürworten. Wir verfolgen die öffentliche Debatte um den Tierzirkus relativ gelassen, sehen uns an dieser Stelle aber genötigt, Aufklärung zu leisten in der polemisch und unsachlich geführten Diskussion über ein Verbot von Zirkustieren. - Übrigens: Die Fotos auf dieser und den anderen Tierseiten sind seit 2004 entstanden. Inzwischen werden nicht mehr alle hier abgebildeten Arten in den jeweiligen Zirkussen mitgeführt, wo wir sie fotografiert haben. Trotzdem zeigen die Fotos sämtlich Beispiele für vorbildliche Haltung bestimmter Arten, wie sie in vielen Zirkussen inzwischen seit langem praktiziert wird.


Bilder - 1: Kamelstute mit Fohlen im früheren Circus Barum. - 2: Pferdekoppeln auf einem Zirkusplatz in Dänemark (C. Arena). - 3: Zebras und Kamele in Gemeinschaftshaltung im Circus Krone. - 4: Elefanten bei typischem Artverhalten im Circus Krone.


 Tradition des Tierzirkus

„Mit dem Pferd begann [...] die Geschichte des Zirkus“, stellen Ernst Günther und Dietmar Winkler zu Beginn ihres Standardwerks zur Zirkusgeschichte fest. In der Tat ist der neuzeitliche Zirkus aus der Vorführung von Dressur- und Reitkunststücken mit Pferden hervorgegangen, bevor reisende Raubtiermenagerien im 19. Jahrhundert einen anderen Zweig beider Entstehung der typischen Wanderzirkusse bildeten. Tiere, an erster Stelle Pferde, sind also ein wesentliches Merkmal des Zirkus (neben Akrobaten und Clowns) und aus einem klassischen Zirkusprogramm nicht wegzudenken. Wegen ihnen wurde immerhin die Manege in ihrer Rundform und mit ihrem Sägemehlbelag überhaupt erst entwickelt. Das weiß auch Bernhard Paul, der Direktor des Circus Roncalli, der aus diesem Grund bis 2017 an einer obligatorischen Pferdenummer in seinen Programmen festhielt, bis auch er sich zur Umstellung auf ein "Circus-Theater" verlegte. Paul betonte schon früher gerne vor der Presse, dass in seinem Zirkus keine „Wildtiere“ mitreisen würden – einem gewissen Trend lancierter öffentlicher Meinung folgend. Dass er selbst in der Anfangszeit große Raubtiernummern und andere Großtierdarbietungen engagierte und von seiner Philosophie her lange für den echten Zirkus schwärmte, ist längst in Vergessenheit geraten.



Bild oben: Durch die Bewegung verwackelt, aber gerade dadurch im Temperament erkennbar: traditionelle Ungarische Post im Circus Probst. Dabei werden von einem/r stehenden Reiter/in Pferde an langen Zügeln gehalten.

Bilder - 1: "Appell" (Aufreihung) in einer klassischen Pferdefreiheit im Circus Krone. - 2: Stallbox mit Pferd im Schweizer Circus Knie. - Pferde im Circus Krone (3) und Zirkus Charles Knie (4) werden zum Auftritt und zur Hufpflege geführt.


 Lancierter Anti-Trend durch Zirkusgegner

Umso absurder erscheint es, dass selbst dem Circus Roncalli vor seiner Einstellung als eigentlicher Zirkus das widerfahren ist, was heute für Tierzirkusse zum leidigen Alltagsgeschäft gehört: Proteste der Zirkus-Gegner aus dem Lager der sogenannten Tierrechtler. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) schrieb dazu am 2. Oktober 2015 ein paar Zeilen, die ich hier gerne zitiere, weil sie die ganze Problematik in wenigen Sätzen auf den Punkt bringen: „Roncalli versucht, diese Tradition zu retten. Doch auch dieses Unternehmen leidet unter der Vernichtungskampagne, die schlagkräftige Spendensammelorganisationen unter dem Vorwand des Tierschutzes seit Jahren betreiben. Roncalli lässt zwar keine Wildtiere, sondern nur Pferde und Hunde auftreten. Aber schon deswegen muss das Unternehmen sich gegenüber Politikern rechtfertigen, die sich den Erpressungen der Anti-Zirkus-Lobby beugen, weil sie meinen, diese verkörpere eine Volksstimmung. Und in der Öffentlichkeit wird ohnehin nicht unterschieden, ob ein Zirkus Wildtiere vorführt oder nicht. Alle verfallen dem Verdikt ‚Tierquäler‘.“ Und weiter heißt es noch: „Das Volk, wenn es denn noch in den Zirkus geht, ist aber begeistert vom Flair des Zirkus und dem Können der Artisten.“


Bilder - 1: Marstall (Pferde-/Hengst-Stall) im Circus Krone. - 2: Pferdestall im Schweizer Circus Knie. - 3: Pferde im offenen Stallzelt der Yakari-Pferdeshow (C. Carl Busch). Im Vordergrund die Auslaufkoppel. - 4: Pferdekoppel im Schweizer C. Knie.


Der vermeintlich demokratische Trend gegen den Tierzirkus, der in Wahrheit keiner ist, beschäftigt reisende Zirkusunternehmen ebenso wie Freunde des klassischen Zirkus. Finanzkräftige Tierrechtsorganisationen (bedeutendste internationale Gruppe: PETA) und Veganerverbände machen geschickt und flächendeckend gegen den Zirkus mobil und erwecken so den Eindruck, dass eine Mehrheit der Bevölkerung keine Tiere im Zirkus sehen will. Inzwischen haben sie erreicht, dass durch ständige Negativschlagzeilen in den Medien tatsächlich weniger Leute in den klassischen Zirkus kommen, wobei der Traditionszirkus zumindest zur Weihnachtszeit in Deutschland unglaublich boomt (s. im Menü links unter Zirkusse in Deutschland, dort in der Rubrik Weihnachtszirkusse). Immer wieder ergeben übrigens Meinungsumfragen in regionalen Zeitungen und dergleichen, dass sich eine Mehrheit der Befragten weiterhin für den Tierzirkus ausspricht.


Politische Situation in Deutschland und Europa

Trotzdem ist es wohl nur eine Frage der Zeit, bis auch in Deutschland – wie bereits in Belgien, den Niederlanden und einigen anderen Staaten – ein gesetzliches Verbot von „Wildtieren“ in reisenden Zirkussen kommt. (Vielleicht ist dies schon der Fall, bevor dieser Text überarbeitet wird.) Solange es kein einheitliches Bundesgesetz gibt, ist für die Zirkusse entscheidend, wie die Stadträte zu den Gastspielen traditioneller Tierzirkusse stehen, sind doch die Kommunen ihre unmittelbaren Gastgeber. Verschiedene deutsche Städte wollen seit Jahren den Auftritt bestimmter Tierarten oder ganzer Zirkusse verbieten, was ihnen teilweise gelingt. Immer wieder kommt es zu gerichtlichen Auseinandersetzungen, die häufig im Sinne der Zirkusse entschieden werden (die Zirkusse klagen sich sozusagen ein). Ein hohes Verwaltungs-gericht hat 2016/17 im Sinne der Zirkusse entschieden, dass solche kommunalen Verbote rechtswidrig sind. Mit der juristischen Prüfung befasst sich ferner der Berufsverband der Tierlehrer e. V. Die European Circus Association (ECA) und die EU führen juristische Auseinandersetzungen darüber, ob ein Alleingang europäischer Staaten im Sinne des geltenden Europarechts ist. In Deutschland ist inzwischen ein „Flickenteppich“ von Städten entstanden, die Gastspiele traditioneller Zirkusse entweder genehmigen oder nicht (Verbote kommen trotz des o.g. Gerichtsbeschlusses weiterhin vor!). Meistens geht die Initiative von Lokalpolitikern aus und wird von der Bevölkerung nicht mehrheitlich vertreten; seltener gibt es auch umgekehrte Fälle, in denen Bürgerinitiativen gegen Tierzirkus sich an die Lokalpolitik wenden.


Bilder 1-3: Aufgrund der immer häufigeren Demos von Tierrechtlern gegen Zirkusse sehen sich Freunde des klassischen Zirkus immer wieder zu Gegendemos für Tiere im Zirkus aufgerufen, wie hier vor dem C. Probst in Kiel und HH-Harburg.


In den politischen Parteien herrscht keine einheitliche Haltung. In allen größeren Parteien gibt es sowohl Freunde als auch Gegner des klassischen Zirkus, wobei sich die Stimmen für ein Verbot von Zirkustieren in den Parteien des linken Spektrums, insbesondere bei den Grünen, mehren. Für den klassischen Zirkus - dies muss hier losgelöst von eigenen politischen Präferenzen erwähnt werden - macht sich am ehesten die CDU stark. Schon 2005 stimmte das EU-Parlament in Brüssel mit großer Mehrheit für einen Antrag der damaligen saarländischen CDU-Abgeordneten Doris Pack, die sich für den Schutz des Zirkus mit Tieren als europäisches Kulturgut einsetzte. Die Resolution wurde in Deutschland und einigen anderen Ländern indes nie umgesetzt.


Aktionen der Anti-Zirkus-Lobby

Fast schon zur Gewohnheit geworden sind indes Demonstrationen von Tierrechtlern vor den Kassen und Zelten der Zirkusse. Die Aktivisten verteilen zirkuskritische Flyer an die ankommenden Besucher, um diese vom Kauf einer Eintrittskarte abzuhalten. Transparente und lautstarke Megaphon-Durchsagen sollen auf angeblich horrende Missstände in der Tierhaltung aufmerksam machen. Selbst in Schulen nehmen Tierrechtler mit Aktionen Einfluss auf Kinder und Jugendliche, um diese vom Zirkusbesuch abzuhalten.


Bilder: Demonstrationen von Tierrechtlern vor dem Circus Krone auf dem Hamburger Heiligengeistfeld (1), vor dem Eingang des Circus Probst in Kiel (2) und am Schwarzenbergplatz vor dem C. Probst in Hamburg-Harburg (3).

Außerparlamentarische Teile der Tierrechtsgruppen schrecken vor kriminellen Aktionen nicht zurück. Immer wieder zerstören fanatische Zirkusgegner Werbeplakate von Wanderzirkussen, überkleben sie mit Anti-Slogans wie „Wegen Depression der Tiere fällt die Vorstellung aus“ oder beschädigen Wohn- und Materialwagen. Ebenso ist es schon zu Störaktionen während laufender Vorstellungen gekommen, z.B. indem Aktivisten lautstark ins Zelt drangen und Artisten irritierten; in Form von Anti-Slogans, die per Lichtprojektor groß auf das Zeltdach eines Zirkus projiziert wurden; indem Tiere aus Stallzelten freigelassen wurden, sodass orientierungslose Lamas und Kamele eine Gefahr im Straßenverkehr bildeten. In England wurde vor Jahren gar der Direktor eines angesehenen Tierzirkus von einem Auto angefahren.

Tierzirkus in den Medien
Für die Tierrechtler - und vielleicht auch für manchen Politiker - sind die Zirkusse willkommene Opfer, weil die Branche kaum eine öffentliche Lobby hat und man daher öffentlichkeitswirksam gegen sie vorgehen kann. Die Manipulationen haben sogar das Fernsehen erreicht. Die meisten Formate zur Übertragung klassischer Zirkusshows wurden eingestellt. Vom Circusfestival in Monte Carlo wird immerhin noch ein verkürzter Zusammenschnitt ausgestrahlt, wobei Nummern mit „Wildtieren“ größtenteils rausgeschnitten werden, selbst wenn sie zu den höchsten Preisgewinnern des Festivals gehören. Eine derartige Zensur im öffentlich-rechtlichen Fernsehen ist im Grunde unfassbar. In Lokalzeitungen und einigen überregionalen Blättern ist die Berichterstattung hingegen wieder positiver gegenüber dem Zirkus geworden.

Es soll und darf nicht verschwiegen werden, dass manche Zirkusse mit begründeten Negativschlagzeilen von sich reden machen. Hin und wieder kommt es zu Skandalen um verendete oder aggressive Tiere, die sich in den Medien natürlich wie ein Lauffeuer verbreiten. Auch bettelnde Vertreter kleiner Familienzirkusse tragen nicht gerade zum gesunden Image der Branche bei. Doch muss davor gewarnt werden, dies pauschal auf die Zirkus-Szene zu übertragen.


Bilder oben - 1: Tierschau-"Park" im Zirkus Charles Knie. - 2+3: Viele Unternehmen, wie hier Circus Probst (2) und C. Carl Busch (3), bieten bei Interesse informative Führungen durch die Tierschau an.


Bilder 1-3: Die deutsche Tiger-Dompteuse Carmen Zander erläuterte bei einem Gruppenbesuch im Circus Carl Busch die Arbeit mit ihren Tieren und beantwortete viele Fragen der Teilnehmenden.


Leitlinien und Kontrollen der Zirkustierhaltung

Die regelmäßigen, gesetzlich vorgeschriebenen Kontrollen durch Amtstierärzte in den wechselnden Gastspielorten bescheinigen den meisten deutschen Zirkussen eine gute Tierhaltung. Die Zirkusbesucher können sich zumindest in großen Unternehmen wie Krone oder Charles Knie selbst ein Bild davon machen; diese Zirkusse bieten täglich geöffnete, preisgünstige Tierschauen. Schon als Laie können wir das Wohl- oder Missbefinden eines Tieres erkennen, etwa an seinem körperlichen Zustand (Fell, Ernährung) oder an seinem Verhalten. Die "Leitlinien für die Haltung, Ausbildung und Nutzung von Tieren in Zirkusbetrieben oder ähnlichen Einrichtungen", die vom Bundeslandwirtschaftsministerium mit Hilfe einer Expertenkommission wurden, setzen den rechtlichen Rahmen mit Mindestanforderungen für die Tierhaltung. Diese werden von manchen reisenden Zirkussen inzwischen sogar übertroffen. Durch ein Zentralregister, in dem alle Tiere mit Daten und Namen erfasst sind, könnten die Kontrollen noch effektiver durchgeführt werden. Ein solches Register existiert bereits, wird aber bislang nicht konsequent angewendet. Dies hielten wir für sinnvoller als ein pauschales Verbot bestimmter Tierarten.


Bilder: Die Zebras im Circus Krone konnten jederzeit zwischen geräumigem Innenstall und Außengehege wechseln (1+2) und legten arttypisches Verhalten an den Tag (3). - 4: Anstatt eines Stallzelts dienen auch offene Transportwagen als Unterstand.


Tierhaltung heute
Die Bedingungen der Tierhaltung haben sich enorm verbessert. Huftieren und Raubtieren werden in deutschen Zirkusbetrieben Freigehege oder Paddocks zur Verfügung gestellt, die zusätzlich zu den Ställen und Käfigwagen genutzt werden können. Tiger haben Bademöglichkeiten und Kratzbäume, Huftiere können sich frei bewegen und zwischen Stallzelt und Freigehege wählen. Die Zoologischen Gärten haben es in dieser Hinsicht einfacher: Sie bekommen Unterstützung durch öffentliche Gelder und können aufgrund des vorhandenen Platzes und der stationären Verortung wahre Miniatur-Landschaften für ihre Tiere einrichten, was einem Zirkus schon allein aufgrund des Reisebetriebs nicht möglich ist. Abgesehen davon werden den Zirkussen inzwischen immer weniger geeignete Plätze von den Kommunen zur Verfügung gestellt. Angesichts dessen ist der Aufwand, den große Zirkusse heutzutage für ihre Tierhaltung betreiben, beachtlich.


Bilder - 1: Löwengehege im Circus Krone. - 2+3: Geräumige Ausläufe für verschiedene Tierarten im Zirkus Charles Knie. - 4: Ein Auslaufmodell sind einzeln gehaltene Nashörner. Der zutrauliche Bulle "Tsavo"  lebt seit seiner Kindheit im Zirkus und kam vom früheren Circus Barum (Bild) zum Circus Krone. Der C. Krone engagiert sich seitdem für den Nashornschutz.


Bilder - 1: Kamel-Familien mit Jungtieren wie hier im Circus Europa findet man in vielen Wanderzirkussen. - 2: Frühere Elefantenhaltung im Schweizer Circus Knie. - 3+4: Gemeinschaftshaltung von Tierarten im C. Krone (3) und C. Probst (4).


Lebensraum Zirkus (und Zoo)

In menschlichem Gewahrsam müssen Tiere nicht nach Futter suchen. Fressfeinde und Witterungsbedingungen, denen sie in freier Wildbahn schutzlos ausgeliefert sind, stellen in Zoos, Zirkussen und Safariparks keine Bedrohung dar. Krankheiten werden ärztlich behandelt. Daraus resultiert eine deutlich höhere Lebenserwartung bei Zoo- und Zirkustieren im Vergleich zu Wildtieren. Insofern wirken sich die Lebensumstände, die vielleicht im natürlichen Sinne „nicht artgerecht“ sind, zumindest nicht negativ aus und schaffen mindestens eine Art Ausgleich zu dem (vom Tier wohl kaum erahnten) Verzicht auf das natürliche Biotop. In „Gefangenschaft“ kann man Tiere ohnehin niemals so halten, dass ihr natürliches Biotop 1:1 imitiert wird. Entscheidend für eine „artgerechte“ Haltung ist das Angebot, das ich dem Tier ersatzweise zur Verfügung stelle. Ausschlaggebend dabei ist die Berücksichtigung der wichtigsten arttypischen Bedürfnisse. Ein Tier unterscheidet kaum, ob die Begrenzung seines Reviers aus einem Wassergraben oder einem Metallgitterbesteht - letzteres kann bei Affen oder Papageien sogar sinnvoll sein. Und ob ein Wasserbassin von Felsblöcken umrahmt oder eben „nur“ in Form einer quadratischen Vertiefung in den Boden eines Zirkuswagens eingelassen ist, dürfte einen Tiger beim Baden kaum interessieren. Die entscheidende Rolle spielt das Vorhandensein solcher Reize.


Bilder: Zwar wirken Robbenanlagen mit Felskulisse, wie hier im Tierpark Hagenbeck (1), meist ansprechender für unser Auge als die mobilen Zirkus-Bassins. Wenn diese geräumig  genug sind (2+3), ist die Haltung aber völlig vergleichbar. Sogar Jungtiere sind im Zirkus mitunter schon geboren worden (wie in Bild 4 im ehemaligen Circus Fliegenpilz). 


Der Käfig /das Gehege wird vom Tier als Habitat (= Lebensraum) betrachtet. Immer wiedergibt es Berichte über entlaufene Zirkustiere, die freiwillig in den Stall oder Transportwagen zurückkehren. Die heute in Zirkussen lebenden Tiere stammen wie die meisten Zootiere überwiegend aus Nachzuchten in Menschenhand. Sie sind von klein auf an den Menschen gewöhnt und könnten in der Natur meist nicht überleben, weil die dafür notwendigen Instinkte bei ihnen nicht genügend ausgeprägt sind. Viele Arten (Kamele, Rinder) sind in ihren Herkunftsländern seit Jahrhunderten domestiziert und müssen als Haustiere gelten. Selbst Indische Elefanten werden in ihrer Heimat als Nutztiere eingesetzt.


Bilder: Die Löwen von Martin Lacey Jr. (1) bevorzugen phasenweise den Käfigwagen vor dem gut strukturierten Außengehege. Die Tauben im Zirkus Charles Knie (2) blieben in der Nähe ihres Transportwagens, ebenso das Äffchen im Circus Europa (3) und die freilaufenden Seelöwen der Familie Duss (4). So sehr sind Zoo- und Zirkustiere an ihre Umgebung gewöhnt.


Artgenossen und Menschen als Sozialpartner

Grundsätzlich sollten Tiere nicht einzeln gehalten werden, sondern paarweise oder in Gruppen, die den Sozialverbänden in freier Wildbahn entsprechen. (Einige Großsäuger wie Nashörner oder Elefantenbullen können bzw. müssen vorübergehend einzeln gehalten werden, weil sie auch in der Natur phasenweise als Einzelgänger leben und andernfalls aggressiv würden.) Die Zoos haben sich in modernen Anlagen auf die Haltung von Zuchtgruppen spezialisiert. Auch in Zirkussen werden immer weniger Tiere einzeln gehalten. Freilich ist die Zuchtbestimmter Arten im Zirkus schwierig bis unmöglich. Nicht zuletzt deshalbplädieren wir für eine zunehmende Konzentration auf bestimmte Tierarten, was in den meisten Zirkusbetrieben – einhergehend mit der Reduzierung des Tierbestands – längst stattgefunden hat (s. unsere Seite "Tierhaltung konkret").


Zu den Artgenossen tritt im Zirkus der Mensch als Sozialpartner. Dresseure, Tierpfleger und Stallburschen kümmern sich täglich um ihre Schützlinge. Durch die Dressur und den Ortswechsel erfahren Zirkustiere eine willkommene Abwechslung. Diesen Vorteil haben Zootiere nicht ohne weiteres. Die Tiergärten entwickeln eben aus diesem Grund kreative Möglichkeiten der Beschäftigungstherapie und setzen ihrerseits teilweise auf Dressur, z.B. bei Elefanten und Seelöwen. Das tägliche Training bietet den Tieren Beschäftigung und körperliche Anreize. Die Transporte der Zirkustiere zwischen den Gastspielorten sollten indes möglichst kurz gehalten werden.


Bilder oben: Zirkustiere sind den täglichen Umgang mit Menschen (Mitarbeitern und Besuchern) gewohnt.


Bilder 1-3: Trotzdem ist es bei den meisten Arten wichtig, dass sie gemeinsam mit Artgenossen gehalten werden.



Der wissenschaftlich-pädagogische Aspekt

Nicht zuletzt stellt der wissenschaftlich-pädagogische Aspekt der Tierhaltung heute mehr denn je einen wichtigen Auftrag an Zoos und Zirkusse. Der Kontakt mit Tieren bewirkt erwiesenermaßen eine erhöhte Sensibilität für deren Erhaltung in freier Wildbahn. Nicht nur populäre Tierschützer aus früheren Generationen wie Bernhard Grzimek oder Heinz Sielmann, sondern auch etliche heutige Wissenschaftler sehen die Haltung von Tieren in Menschenobhut nicht im Widerspruch zum Artenschutz. Tierarten, die in der Natur vom Aussterben bedroht sind, können mitunter nur durch Nachzuchten (z.B. in Zoos) erhalten werden. Die dringlichsten Aufgabenfelder des Tierschutzes heute liegen unserer Meinung nach in der landwirtschaftlichen Massentierhaltung, der globalen Umweltzerstörung und der Bedrohung natürlicher Ökosysteme und ihrer Artenvielfalt. Wenn die Lebensräume weiter in dem Maße zerstört werden, wie dies heute geschieht, können wir manche Tierarten bald höchstens noch in Zoos und Zirkussen bewundern.


Bilder 1-3: Viele große Zirkusse informieren mit wissenschaftlicher Beschilderung über die ausgestellten Tierarten.


Infos zur Zirkus-Tierhaltung aus erster Hand: Unsere Mini-Doku aus dem Circus Probst