Zur Dressur von Zirkustieren


Tierdressuren - wenigstens Pferde - gehören neben Akrobaten und Clowns zum klassischen Zirkus. Wenn sie gut gemacht sind, bringen sie ein ganz besonderes Flair ins Zelt: das staubende Sägemehl, der Geruch nach Tier und Stall, die großen Tiergestalten im Scheinwerferlicht, hautnah, beinahe zum Anfassen... all das verbinden nicht nur Kinder mit dem typischen Charakter einer Zirkusshow. Interessant zu beobachten ist das Zusammenspiel zwischen Tier und Mensch, das z.B. in Raubtiernummern stark zum Ausdruck kommt, wenn bestimmte Tiere ihre festen Plätze auf den Postamenten haben und mit persönlichen Gesten des Dompteurs angesprochen werden. Da erhalten wir als Zuschauer für einen Moment lang Einblicke in die 'Geheimnisse' dieser eigenwilligen Kommunikation. Doch wie werden die Tiere dazu gebracht, im Kreis zu laufen, auf die Hinterbeine zu steigen oder sich auf ein Podest zu setzen? Was steckt hinter einer flüssig ablaufenden Dressur, die den Besuchern scheinbar mühelos präsentiert wird?


Circus Probst

Circus Probst

Circus Krone

Circus Krone



An erster Stelle Geduld

Wer Tiere dressiert, muss sich vor allem in Geduld üben. Eine harmonische Dressurleistung ist meist das Ergebnis monate- oder jahrelanger Arbeit. Erstmal müssen die Tiere überhaupt an den Tierlehrer, an die Manege, die Musik und das Publikum gewöhnt werden. Erst wenn sie Vertrauen zu ihrer Umgebung gefasst haben, kann mit der eigentlichen Dressur begonnen werden. Nehmen wir z.B. einen Tiger, der von Podest zu Podest springen soll. Am Anfang stellt der Dompteur zwei Podeste dicht nebeneinander und legt auf das zweite ein Stück Fleisch. Der Tiger sieht das Fleisch und "wandert" von einem Postament zum anderen, um den Happen zu bekommen. Jetzt wird der Abstand zwischen den Podesten bei jedem Versuch vergrößert. Irgendwann muss der Tiger springen, um an das Fleisch zu gelangen. Wenn alles reibungslos funktioniert, stellt der Dompteur einen Reifen zwischen die Podeste. Der Tiger wird anfangs misstrauisch sein, nach einiger Gewöhnung aber auch durch den Reifen springen. Später kann das Fleischstück weggelassen werden. Wenn das Tier nach der Nummer eine richtige Mahlzeit bekommt, ist die Belohnung der einzelnen Tricks - zumindest in Form von Nahrung - nicht mehr nötig. Es reichen dann liebevolle Worte oder eine anerkennende Geste des Dompteurs.

Der Effekt positiver Verstärkung

Verantwortungsvolle Tierdresseure arbeiten beim Training vor allem mit positiver Verstärkung, mit anderen Worten: sie setzen in der Dressur auf Belohnung. Hat beispielsweise der Tiger (s. oben) gelernt, dass er immer ein Stück Fleisch bekommt, wenn er durch den Reifen springt, vollführt er diesen Sprung irgendwann in der Erwartung, dass es nachher etwas zu fressen gibt. Das vom Dresseur erwünschte Verhalten wird positiv verstärkt. Wenn sein Lehrer ihn hingegen mit Stockschlägen o.ä. zum Sprung zwingen würde (negative Verstärkung), würde der Tiger den Trick nur aus Angst vor Schmerzen ausführen und dadurch verkrampft wirken. Denselben Effekt hätte der Einsatz von Strafen nach einem "verpatzten" Kunststück, wenn dem Tier ein Trick nicht gelingen will. Ob dressierte Tiere schreckhaft wirken oder eher entspannt und routiniert, sieht man ihnen auch ohne Fachkenntnis an. In Dressuren, wo Strafe vor Belohnung steht, kann das Tier kein Vertrauen zu seinem Lehrer aufbauen. Deshalb werden Stockschläge, Peitschenhiebe und andere schmerzhafte Bestrafungsmethoden in den meisten Zirkussen Westeuropas nicht mehr angewendet (hin und wieder gibt es sicher 'Schwarze Schafe', somit keine Garantie für jeden Zirkus). Ausnahmen können sich ergeben, wenn ein Tier unerwartet "durchdreht" und dem Dresseur gefährlich wird. Tieren kann man schließlich nur auf der instinktiven Ebene klarmachen, wo Grenzen für ihr Verhalten sind.


Der Einsatz von Hilfsinstrumenten

Hilfsmittel wie Gerten, Stöcke und Führhaken werden gebraucht, um ein Tier in eine gewünschte Richtung zu lenken. Die Gerte - bekannt aus dem Reitsport und von Reiterhöfen - kann außer bei Pferden im Prinzip bei allen Huftieren und sogar bei Raubtieren als Dressurinstrument eingesetzt werden. Dasselbe gilt für den Handstock. Beide Hilfsmittel werden sowohl für optische Signale (ohne Berührung des Tieres) als auch für das so genannte Touchieren verwendet. Beim Touchieren wird das Tier mit der Gerte oder dem Stock mehr oder weniger kräftig berührt oder leicht geschlagen. Das soll nur bis zu einem Grad geschehen, der nicht schmerzhaft ist! Das Tier soll den Reiz lediglich als lästig empfinden und ihm ausweichen, um sich z.B. zur Seite zu bewegen oder zu drehen. Wenn sich ein Pferd rechtsherum im Kreis drehen soll, könnte der Dresseur das Tier mit der Gerte an der rechten Hinterflanke touchieren; unterstützend kann er mit lauter Stimme Befehle erteilen. Das Pferd weicht dem Reiz reflexartig aus und bewegt die Hinterläufe nach links, sein Körper dreht sich dabei nach rechts. Anschließend bekommt das Tier eine Belohnung in Form von "Leckerli" (vielleicht ein Stück Zucker), oder indem der Dresseur in liebevollem Tonfall zu ihm spricht und seine Nüstern krault.


Nach dem fünften, sechsten oder vielleicht erst zwanzigsten Versuch kapiert das Pferd instinktiv, dass es sich auf den Befehl des Dresseurs hin drehen soll. In menschliche Sprache übersetzt, läuft im Kopf des Tieres ungefähr folgendes erlerntes Denkmuster ab: "Aha! Jetzt ruft der Chef wieder laut, also soll ich mich drehen. Dann mach ich das mal, anschließend gibt's ja eine Belohnung." Die Gerte ist in diesem Stadium nur noch als Reserveinstrument zu gebrauchen, falls das Pferd bei der Vorführung aus irgendeinem Grund nicht auf Zurufe reagiert. Unterstützend für verbale Kommandos kann auch das Knallen der Peitsche (besser: Longierpeitsche) verwendet werden. Die Peitsche ist im Grunde eine verlängerte Variante der Gerte und ermöglicht es Dresseuren, aus einer gewissen Entfernung, etwa aus der Manegenmitte, durch sanftes Touchieren auf die Tiere einzuwirken oder durch Knallen akustische Befehle zu erteilen. Während die Gerte ca. 1,20 m und der Handstock bis zu 1,50 m lang sind, haben Peitschen einen 1,50 bis 1,80 m langen Stock, an den sich ein 2,50 bis 3,50 m langer lederner Schlag anschließt.


Bei der Pferdedressur werden im Probestadium meist Longen verwendet, die am Zaumzeug des Pferdes befestigt sind. Damit lassen sich die Tiere sicher und behutsam in die vom Dresseur gewünschte Richtung bewegen. Außerdem wird so die Schwerpunktverlagerung auf eine Seite (rechts oder links) geübt. Wenn Zirkuspferde beim Auftritt überwiegend links herum laufen, müssen sie zum Ausgleich auf der rechten Hand trainiert werden und umgekehrt. - Für die Dressur von Elefanten wird anstelle von Gerte und Handstock meistens ein Führhaken verwendet, den man wegen seiner spezifischen Funktion auch "Elefantenhaken" nennt. Auf einem ca. 80 cm langen Stock sitzt ein Metallhaken. Die Spitze ist abgestumpft, damit den Elefanten keine Verletzungen zugefügt werden. Mit dem Führhaken kann der Dresseur an der weichen Haut hinter den Ohren ansetzen und den Elefant durch behutsames Ziehen in die gewünschte Richtung lenken. Außerdem wird der Führhaken zum Touchieren eingesetzt (s. oben). Übrigens geben auch in der Natur die Leittiere einer Elefantenherde ihren Artgenossen 'Kommandos' mit Hilfe der Stoßzähne. Es ist also durchaus normal für Zirkustiere, wenn der Dresseur als Autoritätsperson den Führhaken einsetzt.

Ergänzend zum Führhaken kommt bei der Elefantendressur die Peitsche zum Einsatz, wenn die Tiere aus einiger Entfernung dirigiert werden. Auch hier wird die Peitsche nicht zum Schlagen verwendet. Sehr gute Dresseure schaffen es nach längerem Training, die Elefanten nur auf Zuruf mit der Stimme zu dirigieren, sogar beim Übersteigen von liegenden Menschen. Solche Dressuren gehören zu den großen Momenten im klassischen Circus. Überhaupt spielt die Stimme des Dresseurs eine sehr wichtige Rolle neben allen manuellen Hilfsmitteln. Ein liebevoller, sanfter Ton schafft Vertrauen und unterstreicht die Belohnung; ein scharfer, lauter Befehlston dient als Kommando zur Durchführung eines Tricks. - Es ist im Übrigen interessant, dass einmal dressierte Zirkustiere den Bewegungsablauf ihrer Nummer so gut beherrschen, dass sie auch unter Anleitung eines neuen Trainers ihre Kunststücke aufführen können. Allerdings sollte die persönliche Beziehung zwischen dem Dresseur und "seinen" Tieren niemals unterschätzt werden. Die Dressur unter einem neuen Trainer ist meist erst nach einer Eingewöhnungsphase möglich und gelingt nicht in jedem Fall. Deshalb ist es immer von Vorteil, wenn ein Tierlehrer eine feste Tiergruppe hat, mit der er in der Manege arbeitet.

 


Circus Arena

Carl Busch

Circus Knie

Circus Krone



 

Weiterentwicklung der Tierdressur

Die Dressur von Zirkustieren hat seit dem 19. Jahrhundert erhebliche Veränderungen durchlaufen. In der Zeit der Wandermenagerien und frühen Zirkusse wurden wilde Tiere einfach eingesperrt und mit brutalen Methoden zu Kunststücken gezwungen. Die Dompteure - oder "Bändiger", wie sie damals hießen - wurden Herr über die "wilden Bestien", indem sie ihnen Schmerzen zufügten. Tiger und Löwen beispielsweise wurden mit spitzen Eisenstäben und Brandfackeln gepiesackt, bis sie den Sprung durch den Reifen ausführten. Auch Tanzbären (im Mittelalter und heute noch in manchen Regionen der Erde) wurden bzw. werden mit derartigen Mitteln "gezähmt".


Einige Dompteure sahen schon damals ein, dass man auf die Art und Weise dem Tier nichts Gutes tat und die Qualität der Dressur darunter litt. Deshalb etablierte sich mit der Zeit die so genannte humane Tierdressur, als deren Erfinder häufig der Hamburger Tierfänger, Zirkus- und Zoodirektor Carl Hagenbeck genannt wird. Nach meinen Informationen sollen vor ihm schon andere Dompteure mit dieser Variante gearbeitet haben, doch Carl und vor allem sein Bruder Wilhelm Hagenbeck machten die humane Dressur erst wirklich bekannt. Die Tiere (die damals ja direkt aus der Wildbahn kamen) wurden nun zuerst gezähmt und an den Dresseur gewöhnt, bevor dieser ihnen Kunststücke beibrachte. Dadurch konnten die Tierlehrer viel besser auf den Charakter einzelner Tiere eingehen. Sie betrachteten ihre "Lehrlinge" fortan nicht bloß als Kreaturen, sondern als Individuen mit persönlichen Stärken und Schwächen.


Gute, moderne Dresseure setzen für einzelne Tricks nur Tiere ein, deren Charaktereigenschaften zum jeweiligen Kunststück passen. Der Tierlehrer kann sich eine angeborene "Macke" seines Schützlings zu Nutze machen und sie zu einem Dressurkunststück ausbauen. So kann ein von Natur aus träger Löwe in der Manege den Clown spielen, indem er immer nicht das tut, was der Dompteur von ihm erwartet. Heute verlangen verantwortungsvolle Dresseure ihren Tieren keine Bewegungen mehr ab, die dem natürlichen Verhalten der Art widersprächen. Man trifft in Europa nicht mehr auf Elefanten, die auf Dreirädern fahren, oder auf Bären und Affen in Menschenkleidern. Bei professioneller Dressur (und guter Unterbringung) genießen Zirkustiere manchmal Vorteile gegenüber Zootieren, da sie durch die Bewegung regelmäßig gefordert werden. Das Training in der Manege ist eine gute Gelegenheit, die Muskeln der Tiere zu stärken und ihre Gelenke geschmeidig zu halten. Gleichzeitig werden Reize aktiviert - beim Scheinkampf mit Raubkatzen z.B. der Spiel- und Beutetrieb der Tiere - sowie Langeweile vermieden.


Öffentlichkeitsarbeit

Vorbildliche Zirkusse bieten inzwischen öffentliche Dressurproben an, wenn auch unregelmäßig. Das Publikum kann dann bei Proben in der Manege oder auf dem Zirkusplatz zuschauen. Es ist ein begrüßenswerter Versuch, die Dressur in die Öffentlichkeit zu rücken und transparenter zu machen, damit Vorurteile abgebaut werden. Noch immer glauben nämlich viele Menschen - bzw. behaupten Tierrechtler -, dass Tiere im Zirkus nur unter Schmerzen und Qualen zu Kunststücken gezwungen würden. Ich denke, dass in Zukunft viel mehr Öffentlichkeitsarbeit nötig ist, um mit solchen Vorbehalten aufzuräumen. Aber auch die Zirkusse sind gefordert, unter allen Umständen gute Voraussetzungen für die Haltung und Dressur ihrer Tiere zu schaffen. Es ist bedauerlich, dass das Thema in seriösen Medienberichten kaum einen Platz hat, sondern fast immer nur auf Druck radikaler Tierrechtler in die Öffentlichkeit gerät (s. hierzu unsere Seite Tiere im Zirkus).