Bedeutende Zirkusse in den Alpenländern und in Südeuropa (Auswahl)



Italien


In Italien reisen zzt. nur wenige Großcircusse, aber der Zirkus hat in dem Mittelmeerland eine lange Tradition. Viele große Artistenfamilien stamm(t)en dorther. Noch heute haben Zirkusse in Italien ein relativ hohes Ansehen, sie werden z.B. in gewissem Umfang mit staatlichen Geldern unterstützt. Proteste von Tierrechtlern gibt es in Norditalien, bislang aber nicht in dem Ausmaß wie in einigen anderen Ländern Europas. Die italienische Zirkustradition hat Berührungspunkte mit anderen Kunstformen. So flocht der zirkusbegeisterte Filmregisseur Federico Fellini in seine Filme der 1950er-70er Jahre immer wieder Zirkusthemen mit ein. Italienische Musik - ob aus Oper, Volkslied oder Film - findet man häufig im musikalischen Repertoire von Zirkusprogrammen. Allein Nino Rota, der "Hauskomponist" Fellinis, schuf mit seinen Soundtracks ein paar unvergessene Melodien, die bis heute gerne von Zirkusorchestern gespielt werden. - Typisch für italienische Reisezirkusse ist die auffällige Leuchtreklame vor den Zelten. Aufgrund des mediterranen Tagesrhythmus laufen Vorstellungen zu späteren Zeiten als in Nord-/Westeuropa: Nachmittagsvorstellungen beginnen meist ab 17 Uhr, Abendvorstellungen nicht vor 21 Uhr. Bei Zirkusbesuchen in Italien (und im italienisch-sprachigen Teil der Schweiz) sollte man sich evtl. auf mehr Unruhe im Publikum einstellen, etwa durch umherlaufende, lärmende Kinder und Erwachsene. Auch dies gehört zur Zirkuskultur eines Landes, denn im Verhalten des Publikums spiegelt sich immer etwas vom Temperament der jeweiligen Bevölkerung.


American Circus

(Familie Togni)

Zu den großen klassischen Zirkussen aus Italien gehört der American Circus der Familie von Flavio Togni. Der Mann hat als Dresseur (auch für andere Tierlehrer) in der Zirkuswelt einen Namen und wurde für seine Gesamtleistung in Monte Carlo bereits mit dem Goldenen Clown geehrt. Sein American Circus reist entsprechend seinem Namen, in Anlehnung an vor allem frühere amerikanische Zirkusse, seit Jahrzehnten mit 3 Manegen. In den 1990er Jahren war er mit diesem Konzept auch in Deutschland auf Tournee und ist daher manchem Zirkusbesucher hierzulande noch bekannt. Gegenüber früher hat zwar auch dieses Unternehmen (z.B. hinsichtlich des Tierbestands) an Größe deutlich "abgespeckt". Nach wie vor wird hier jedoch kompletter klassischer Circus mit vielen Tieren und Artisten geboten, die zum Teil aus der großen Familie, zum Teil aus hinzuengagierten Truppen stammen. Ein Ballett rundet die Show ab; Live-Musik ist anscheinend nicht vorhanden.


Circo Medrano

(zzt. Osteuropa)

Der Circo Medrano der Familie Casartelli gehörte mit seinen Programmen jahrelang sicher zu den größten und vollkommensten Zirkussen Italiens - jedoch Achtung: die Programmhinweise auf der Webseite sind nicht immer aktuell, Aussagen über die Qualität der Shows daher nur bedingt möglich! 2007 gewann die Familie mit den eigenen, hochwertigen Tierdressuren - Pferde, Reiterei, Exoten, Elefanten - den Goldenen Clown beim Circusfestival in Monte-Carlo. Man legt hier viel Wert auf Kostüm und Ausstattung, so ist das Zeltinnere prachtvoll gestaltet. Das Programm wird von einem Live-Orchester begleitet. Für jede Tournee werden internationale Artisten hinzuengagiert, in Großstädten manchmal zusätzlich aufgestockt. In den letzten Jahren war das Unternehmen in osteuropäischen Ländern auf Tournee, zuletzt in Polen. - Der Name Medrano spielte früher vor allem in Frankreich eine große Rolle, wo heute ebenfalls ein größeres Unternehmen unter diesem Namen reist.

 


Circo Moira Orfei

Der recht große Circo Moira Orfei setzt stark auf Glanz und Glamour, allein schon durch die als Kultperson vermarktete Senior-Chefin Moira Orfei (geb. 1931), die in den 1960er Jahren - einer Hochphase des italienischen Kinos - als Film-schauspielerin gefeiert war. Ihr Sohn, der das Unternehmen gemeinsam mit der Tochter weiterführt, hat seinerseits wieder eine Filmschauspielerin geheiratet, die ebenfalls im Programm mitwirkt. Die Familie reist mit groß dimensionierten Zelten und einem pompösen Artisteneingang inklusive Bühne als Auftrittsplattform für die große Ballett-Truppe. Mit viel Glitzer wird eine Show geboten, die nur zum Teil von Live-Musik durch ein kleines Orchester begleitet wird. Neben den Artisten der Familie tritt ein überschaubares, aber internationales und leistungsstarkes Ensemble hinzuengagierter Kräfte auf. Zum Unternehmen gehören Tiere wie Tiger und Elefanten. Die umfangreiche Webseite enthält viele Infos auf Italienisch.


Circo Lidia Tognizzt

(Tournee-Pause)

Der auch mit dem Zusatz Nazionale, also National-, werbende Circus wird von Vinicio Togni, einem Sohn der Namensgeberin Lidia Togni geführt. Die Tognis (s. auch oben, American Circus) sind eine weit verzweigte, international sehr bekannte italienische Zirkusfamilie, die im letzten Jahrhundert mit verschiedenen Truppen und eigenen Zirkussen eine wichtige Rolle spielten und weitherhin spielen. Vinicio Togni vom Circo Lidia T. scheint ein begnadeter Pferde-Dresseur zu sein - die hauseigenen Pferdedarbietungen werden von Besuchern als hochwertig beschrieben. Neben weiteren Nummern der Familie engagiert das Unternehmen für seine Tourneen einige Kräfte hinzu, teilweise auch Truppen und meist eine Raubtiernummer. Im Programm tritt ein relativ großes Ballett auf. Man reist mit gigantischen Zeltanlagen, die trotz der sehenswerten Programme hier überdimensioniert wirken. - Laut Webseite macht das Unternehmen zzt. eine Spielpause. Weiteres bleibt abzuwarten.



Österreich


Louis Knie Junior

(verschiedene Produktionen; s. auch Niederlande)

Louis Knie Junior ist ein erfolgreicher Sprössling aus der bekannten Schweizer Zirkusfamilie. Schon vor vielen Jahren hatte sich ein Zweig der Familie in Österreich niedergelassen (der Ur-Vater der Knie-Dynastie stammte übrigens auch von dort). Weil der Circus Louis Knie in Österreich zwischenzeitlich nicht gut lief, hat Louis Knie jun. wechselnde Produktionen ins Leben gerufen, so auch Zirkus-Tourneen in Deutschland und den Niederlanden sowie den Wintercircus in Utrecht (s. Westeuropa und Weihnachtszirkusse in Nachbarländern). Zwischendurch geht Louis Knie aber immer wieder auch in Österreich auf Tournee. Da hier wie in den Niederlanden keine "Wildtiere" mehr auftreten dürfen, reist dieser Zirkus nur noch mit Pferden und Haustieren; die Pferde werden von Louis Knie selbst dressiert. Im Programm ist ansonsten ein zahlenmäßig überschaubares Ensemble recht guter internationaler Artisten zu sehen. Ein Schlagzeuger sorgt für Live-Effekte. - Wegen der wechselnden Tourneen ist auf der allgemeinen Louis-Knie-Webseite meist kein Programm zu finden; entsprechend wird auf die Facebook-Präsenz verwiesen sowie für die Niederlande-Shows auf die Webseite der dortigen Agentur Hillenaar Events.

 


Schweiz


Circus Harlekin

Der 1992 von Monika Aegerter und Peter Pichler gegründete Circus Harlekin ist ein mittelgroßes Unternehmen, in dessen Programmen neben hauseigenen Nummern ein Ensemble hinzuengagierter Artisten auftritt. Im tierischen Teil sind einheimische und exotische Haustiere zu erleben, ein Orchester sorgt für Live-Musik. Circusfreunde sind von diesem "Bergcircus", der gerne in kleinen, hochgelegenen Orten der Schweiz gastiert, sehr angetan und beschreiben die Programme als stimmungsvoll, gelungen und sehenswert. Erstaunlich ist das Aufgebot guter Artisten in diesem nach außen sehr klein wirkenden Zirkus. Hier wird klassischer Circus noch richtig gelebt!


Schweizer Nationalcircus Gebr. Knie

Der größte Circus der Schweiz existiert seit 1919 - vorher zogen die Knies aber schon rd. 100 Jahre als Seiltänzertruppe umher - und gehört zweifellos zu den bedeutendsten Zirkussen weltweit. Für die Programme werden ausschließlich Top-Kräfte engagiert, daneben treten im clownesquen Part aus Funk und Fernsehen bekannte Komiker auf. Das Live-Orchester kommt, wie so oft heutzutage, nur teilweise zum Einsatz, viele Artisten bringen "ihre" Musik auf CD mit. Die hauseigenen Tiernummern (v.a. Pferde und Elefanten) gehören in der Zirkuswelt zum Besten in diesem Bereich, auch was den Umgang mit den Tieren betrifft. Ebenso auf hohem Niveau ist die Tierhaltung hinter den Kulissen. Nur ein Teil der Zuchtgruppen geht mit auf Tournee, die übrigen Tiere leben im eigenen Zoo in Rapperswil, wo die Knies sogar asiatische Elefanten züchten. Circus Knie (als Reisegeschäft in der 8. Generation) ist in der Schweiz eine prominente Institution - und damit ganz großer und eben doch auch traditionell-familiärer Wanderzirkus.




Circus Monti

Der "Theater-Circus" der Familie Muntwyler ist eine besondere Adresse. Die Programme werden meistens als zusammenhängende Stücke mit thematischer Kulisse und Theater-Elementen inszeniert, die Nummern dann mit passender Regie und ausgewählten Kostümen liebevoll in die Szenerie eingebaut. Die artistischen Darbietungen sind künstlerisch hochwertig und zunehmend im Stil des Nouveau Cirque gehalten, jener ursprünglich französischen Gegenbewegung zum klassischen Circus, wobei die Muntwylers selbst einer traditionellen Zirkusfamilie angehören. In vielen Programmen wurden auch noch Haustiere der Muntwylers gezeigt, worauf man aber wohl zunehmend verzichtet. Die Programme werden von einem recht anspruchsvollen Streich- und Blasensemble begleitet. Und in Sachen Material und Organisation gehört der Circus Monti zu den hoch-professionellen Adressen in der Zirkuswelt - er wird dafür auch nicht mehr ganz "klassisch" geführt.    


Circus Nock

Der Circus Nock ist der älteste (seit 1860) und - nach dem Nationalcircus der Gebrüder Knie - zweitgrößte Zeltzirkus der Schweiz. Er befindet sich immer noch im Besitz der Gründerfamilie und repräsentiert somit den typischen, familiär geführten Reisecircus. Neben (meist) hauseigenen, stilvollen Tierdressuren treten eine Reihe internationaler Artisten und Clowns auf. Mitunter kann man hier starke Programme erleben. Die lichttechnisch gut inszenierten Shows werden von einem Live-Orchester abgerundet. Vielleicht kann man diesen Circus im Vergleich zu Knie (s. oben) als "ursprünglicher" bezeichnen. Er gehört auf jeden Fall zu den Schweizer Qualitätsadressen.




Circus Royal

Der Circus Royal (gegründet 1963 von der Familie Gasser-Stey) wird heute von Oliver Skreinig und Peter Gasser geführt. Die Programme waren in den letzten Jahren von schwankender Qualität, die Direktion bemüht sich aber jedes Jahr um ein stimmiges, traditionelles Komplettprogramm - inzwischen wieder mit Live-Musik! Ein überschaubares, aber qualitativ gutes Artistenensemble sorgt für einen ausgewogenen artistischen Teil (zuletzt war die Artistik ziemlich gut besetzt), die Tiernummern kommen teilweise aus dem eigenen Hause, es werden aber hin und wieder auch Dressuren hinzuengagiert. Der clownesque Part kann aufgrund des mangelnden Angebots nur schwerlich auf früherem Niveau gehalten werden. Im Winter präsentiert der Circus eine Weihnachtsshow. Über die Gastspielorte des Weihnachtscircus informiert die Webseite des Circus Royal. Leider findet man dort kaum noch Infos über das aktuelle Programm.


Circus Starlight

Der Circus von Jocelyne und Heinrich Gasser wurde 1987 gegründet und präsentiert seinem Publikum moderne, zeitgenössische Artistenprogramme, die nach einem bestimmten Motto inszeniert werden. Statt klassischer Clowns treten hier Bühnenkomiker auf, traditionelle Kostüme werden durch zeitgenössische Outfits ersetzt, statt großer Truppen gibt es überwiegend Einzelkünstler und Duos. Die Musik kommt leider aus der Konserve, ansonsten werden die Programme von Circusfreunden aber als stimmungsvoll und sehr gelungen beschrieben, mit tollen artistischen Leistungen. Wer "Modern Art Circus" in jugendlichem Stil erleben möchte oder die Richtung des Noveau Cirque liebt, ist hier bestens aufgehoben.



Spanien

Gran Circo Mundial

Der Gran Circo Mundial - übersetzt eigentlich "Großer Weltcircus" - unter der Leitung von José Maria Gonzáles Villa gehört zu den großen Reisezirkussen in Europa. Im Programm sind internationale Truppen engagiert, darunter teilweise Spitzennummern. Dafür verzichtet man auf ein Orchester. Es wird klassischer Circus mit Tieren, Clowns und Akrobaten geboten. - Bislang fehlen mir nähere Informationen über das Unternehmen, sie werden bei Gelegenheit ergänzt. Die Webseite ist nur in Spanisch verfügbar.