Zirkus in den USA

In der Geschichte des neuzeitlichen Zirkus - entstanden im 18. Jahrhundert durch Kunstreiter in England - spielte Amerika eine nicht unerhebliche Rolle, weil viele Entwicklungen von dort ausgingen. Die amerikanischen Reisezirkusse legten aufgrund der Landesgröße schon im 19. Jahrhundert weite Distanzen zwischen Gastspielorten zurück und nutzten daher früh die neu aufkommende Eisenbahn als Transportmittel. Ebenso soll das Zirkuszelt eine amerikanische Erfindung sein: In Amerika gab es keine Zirkus-Festbauten wie in Europa, und auf den langen Tourneen durch verschiedene Klimazonen benötigten die Zirkusse praktikable "mobile Bauten". In dem verfilmten Bestseller Wasser für die Elefanten von Sara Gruen wird das Leben in einem amerikanischen Eisenbahnzirkus während der Wirtschaftskrise in den 1930er Jahren eindrucksvoll und mit gut recherchierten Details beschrieben.


Typisch für amerikanische Zirkusse war (oder ist?) die mit Sägespänen/Sägemehl ausgelegte Manege, während man in Europa traditionell auf "geharktem Sand" spielt. Die Großzikusse in den USA reisten zudem gerne mit 3 Manegen, was von einzelnen europäischen Zirkussen immer wieder kopiert wurde, mit wechselndem Erfolg. Beim 3-Manegen-Konzept werden entweder drei verschiedene Nummern gleichzeitig präsentiert oder eine einzige (Massen-) Darbietung in der zusammengelegten "Rennbahn". Amerikanische Zirkusprogramme warteten stets mit viel Glitter und Pomp auf, in großen Unternehmen wurden aber immer auch artistische Spitzenleistungen präsentiert. Der Ansager oder Sprechstallmeister heißt in Amerika Ringmaster und unterscheidet sich in der Art des Auftretens von seinen europäischen Kollegen.


Ringling Brothers and Barnum & Bailey (kurzer Nachruf)

Der größte Reisezirkus der USA, vielleicht sogar das größte Einzelunternehmen weltweit, war lange Zeit der Circus Ringling Brothers and Barnum & Bailey. Bis 2017, ins Jahr seiner Einstellung, war es für Artisten auf der ganzen Welt eine Ehre, in diesem Unternehmen zu arbeiten. - Phineas Taylor ("P. T.") Barnum nannte seinen Zirkus 1872 - gegründet war er als Wandermenagerie schon früher - The Greatest Show on Earth. Dieser Werbeslogan blieb dem Zirkus bis 2017 erhalten. 1888 fusionierte Barnum mit dem Konkurrenten James Bailey, der das Unternehmen nach Barnums Tod allein weiterführte. 1907 wurde es von den 5 Ringling-Brüdern gekauft, die 1884 ebenfalls schon einen Zirkus gegründet hatten. 1919 wurden die Zirkusse zu einer reisenden Einheit verschmolzen. - Fast bis zuletzt gingen zwei Einheiten des Ringling-Zirkus auf Tournee: die "blaue" (Blue Unit) und die "rote" (Red Unit). Es wurden aber in den letzten Jahren nur große Hallen bespielt, Zeltshows gab es nicht mehr. Die 3 Manegen (manchmal nur eine) wurden teilweise zu einer langen Arena vereinigt. Zum Tierbestand gehörte eine große Elefantenherde; Ringling führte auch ein Zentrum zur Erhaltungszucht Indischer Elefanten. Diese standen bei Tierrechtlern aber so stark in der Kritik, dass der Zirkus nach vielen Protesten 2015 ankündigte, auf Elefanten in Zukunft zu verzichten. Weil die Elefanten jedoch Publikumslieblinge waren, blieben zusätzliche Zuschauer aus (bei ohnehin schon rückläufigem Trend), sodass der Ringling-Circus für Mai 2017 das Ende des Unternehmens verkünden musste. Ein wenig zugespitzt formuliert, lässt sich also sagen, dass radikale Tierrechtsgruppen (s. Hintergründe - Tierhaltung) zumindest mit dazu beigetragen haben, einen der größten reisenden Zirkusse der Welt zu Fall zu bringen. In der Weise verbuchen die Tierrechtler selbst solche Ereignisse gern als Erfolg für sich. Sie hoffen auf einen Domino-Effekt bei Zirkussen weltweit.