Die Hamburger Schilleroper: Deutschlands letzter Zirkusbau

aus der Vorkriegszeit

(Stand 2013 - der Text ist im letzten Abschnitt ergänzungsbedürftig)


Was in Paris, Blackpool (England), Amsterdam und St. Petersburg noch an bespielbaren Zirkusbauten aus dem 19. Jahrhundert erhalten ist, existiert in der Hansestadt Hamburg nur noch als Ruine: Die Schilleroper im Hamburger Stadtteil St. Pauli - oder vielmehr das, was von ihr übrig ist - verfällt inmitten eines Wohnviertels und ist seit längerem einsturzgefährdet. Immerhin handelt es sich um den einzigen noch existierenden deutschen Zirkusbau aus der Zeit vor den Weltkriegen (aus der Nachkriegszeit stammt noch der weiterhin genutzte Festbau des Circus Krone in München). Der Anblick des Baudenkmals in der Nähe des Neuen Pferdemarktes, unweit des Hamburger Schanzenviertels, weckt Erinnerungen an die Zeit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert. Die Fotos auf dieser Seite sind bei einem Besuch im Herbst 2007 entstanden.



Die meisten Hamburger kennen die Schilleroper, aber die wenigsten wissen heute noch, dass das Gebäude ursprünglich dem bekannten Circus Busch gehörte. Der Berliner Kunstreiter Paul Busch (1850-1927) und seine Frau Constanze (1849-1898), die zuvor in Dänemark ihren eigenen Zirkus gegründet hatten, wagten 1888 den Entschluss, in Altona, das damals zu Preußen gehörte, ein eigenes Zirkusgebäude zu schaffen. Ein Jahr zuvor war der Bau des berühmten Circus Renz am Zirkusweg (in der Nähe des Millterntors auf St. Pauli, nicht weit vom Neuen Pferdemarkt) abgebrannt, wobei Renz - damals noch in voller Blüte - an gleicher Stelle zügig einen Neubau plante. Insofern war die Situation für das Ehepaar Busch mehr als riskant. Der Neubau des Circus Renz war denn auch vor dem Busch-Gebäude fertig (1889), aber 1891 konnte schließlich auch der Circus Busch seinen ersten Festbau mit glanzvoller Premiere eröffnen - und das, obwohl man gerade Busch vor allem mit Berlin verbindet, wo das Unternehmen ab 1895 sein größtes und bekanntestes Gebäude besaß. Nach dem Hamburger Bau folgte zunächst ein weiteres Gebäude in Wien, nach dem Berliner Bau dann noch eines in Breslau, so dass Circus Busch in seiner Hochphase 4 Gebäude im Wechsel bespielte. Das Unternehmen gehört rückblickend betrachtet zu den größten Zirkussen, die in Deutschland jemals existiert haben.



Das historische Zirkusgebäude steht ziemlich versteckt inmitten von Wohnhäusern auf einem etwas mehr als 3.000 m² großen Grundstück zwischen der eigens nach ihm benannten Straße Bei der Schilleroper und der Lerchenstraße, nur ca. 200 m vom Neuen Pferdemarkt entfernt. Den Kern des Gebäudekomplexes bildet der 24 Meter hohe Rundbau (in der Fachsprache Rotunde genannt) aus Backstein. Er enthält ein nach damaliger Bauweise übliches Stahlskelett, welches heute an einer Seite der Ruine außen sichtbar und an sich schon denkmalwürdig ist. Auf dem Dach des Rundbaus befindet sich eine leuchtturm-ähnliche Laterne mit Oberlichtfenstern. Der gesamte Bau gilt heute als architektonisches Juwel und ist in seiner Bauweise einzigartig in Hamburg, steht bislang aber nicht unter Denkmalschutz (s. unten). Er fasste einst über 1.000 Zuschauer, die im kreisförmigen Parkett rund um die Manege Platz fanden. Um die Rotunde herum befinden sich heute ein- bis zweigeschossige Anbauten, deren Gestalt im letzten Jahrhundert mehrfach verändert wurde. Ursprünglich befanden sich in den Nebengebäuden Artistenwohnungen, ein Requisiten- und Kostümfundus sowie Ställe für die Zirkustiere.

 

In der Ära des Circus Busch wurden in der Schilleroper viele so genannte Pantomimen (Manegen-schaustücke) gezeigt, so z.B. das in der Anfangszeit erfolgreiche Stück "Nach Sibirien". Diese Spektakel griffen mit viel Ausstattung, Artisten, Tieren und volkstümlicher Inszenierung historische Themen oder Stoffe aus Theater und Oper auf, um sie publikums-wirksam in die Manege zu bringen. Mit solchen "Volksstücken" und anderen Zirkusprogrammen wurde der Busch-Bau am Neuen Pferdemarkt bis um die vorletzte Jahrhundertwende bespielt. Spätestens im Jahr 1902 (andere Quellen sprechen von 1897 bzw. 1899) zog der Circus Busch dann in das ehemalige Gebäude des Circus Renz am Zirkusweg, nachdem Renz den Betrieb eingestellt hatte. Bis zu seiner Bombardierung 1943 war das Gebäude am Zirkusweg in Buschs Besitz. Beim Bombenangriff wurden der dortige Kostümfundus und das Archiv des Circus Busch vernichtet, so dass nur wenige Schriftstücke und Erinnerungen in der Berliner Wohnung von Paula Busch, der damaligen Direktorin, erhalten blieben. - Doch das ist eine andere Geschichte.



1904 begann der Umbau des Zirkusgebäudes zu einem Theater; die Pläne stammten vom Architekten Ernst Michaelis. 1905 wurde das neue Theater mit dem Stück Wilhelm Tell von Friedrich Schiller eröffnet. Da sich im selben Jahr der Tod des deutschen Dichters zum 100. Mal jährte, wurde das ganze Theater nach ihm benannt - zunächst als Schillertheater. Bereits in den Folgejahren wurden neben Sprechtheater hier vor allem Revuen, Opern und Operetten aufgeführt, in den 1920er Jahren kamen politisch-zeitgeschichtliche Stücke (etwa von Bertold Brecht) hinzu. Der junge Hans Albers hatte in dem Haus 1913 erste Bühnenauftritte und gehörte später zeitweise dem Ensemble des Schillertheaters an. In den frühen 1930er Jahren wurde das Theater neuerdings umgebaut und 1932 mit der Oper Freischütz von Carl Maria von Weber wiedereröffnet. Da der Schwerpunkt fortan auf Musiktheater lag, trug das Haus zunächst den Namen Oper im Schillertheater und schließlich Schilleroper. Diese Bezeichnung wurde trotz anderweitiger Nutzung bis heute beibehalten. Zeitzeugen jener Epoche haben berichtet, dass in dem Haus eine außerordentlich gute Akustik herrschte, was die Operettenaufführungen dort zu einem besonderen Genuss machte. Übrigens blieb keine der früheren Fassaden des Theaters - im Neubarock, Jugendstil und expressionistischer Moderne gestaltet - erhalten.


Während des Nationalsozialismus wurde der Spielplan der Schilleroper dem Geschmack der neuen Machthaber angepasst. Erwähnenswert ist in dieser Phase die Uraufführung der Operette Giuditta von Franz Lehár im Jahr 1939, der bei dieser Vorstellung selbst das Orchester dirigierte. Im Spätsommer desselben Jahres musste das Haus wegen des Kriegsbeginns vorerst geschlossen werden, weil kein Luftschutzkeller vorhanden war. Während des Krieges diente das Gebäude als Lager für italienische Kriegsgefangene, nach dem Krieg wurden hier Flüchtlinge und durch Bombardierung obdachlos gewordene Menschen untergebracht. Es gibt allerdings Hinweise darauf, dass bis in die 1950er Jahre auch artistische Veranstaltungen im Rundbau stattfanden. 1952 erwarb Kurt Erhardt das Gebäude durch Zwangs-versteigerung. Seine Nachfahren bilden bis heute eine Partei der Erbengemeinschaft von Eigentümern, die sich in den Verhandlungen mit der Stadt Hamburg um die Nutzung des Grundstücks und des Gebäudes seit vielen Jahren im Konflikt befindet (s. unten). 

Nunmehr im Privatbesitz, durchlief die Schilleroper eine wechselvolle Geschichte, wobei bis heute nie wieder Theater oder Zirkus gespielt werden sollte. Bis 1963 beherbergte der Bau ein Hotel, anschließend diente er bis Ende der 1970er Jahre als Quartier für Arbeitsmigranten. In dieser Phase überstand er einen Brand, bei dem anscheinend kein Mensch zu Schaden kam. In den späten 70ern wurde er nur noch als Lagerhalle genutzt. In dieser Zeit waren allerdings 2 deutsche Großzirkusse im Gespräch, das Gebäude wieder in seiner ursprünglichen Funktion zu beleben. An erster Stelle war dies der Circus Busch-Roland, der sich ohnehin damit rühmen durfte, als rechtlicher Erbe des Berliner Circus Busch (zumindest was den Namen betraf) dessen Nachfolge angetreten zu haben. Busch-Roland, damals von Heinz Geier geleitet, wollte einem Zeitungsbericht zufolge die Schilleroper vergrößern und wieder als Zirkusgebäude nutzen. Ebenso war der Circus Barum von Gerd Siemoneit im Gespräch, das Gebäude zu erwerben und als Winterzirkus zu bespielen. Beide Unternehmen gehörten damals zu den führenden Reisezirkussen in der BRD. In jener Zeit hatte der Zirkus noch einen größeren Stellenwert in der Öffentlichkeit als heute, wobei auch das Deutsche Schauspielhaus 1979 erwog, die Schilleroper als Ausweichspielstätte zu nutzen und zu diesem Zweck zu renovieren und umzubauen.



In den 1980er Jahren wurde die Schilleroper von der Stadt als Ort für ein kommunales Stadtteilzentrum in Erwägung gezogen, dann als zweckmäßiges Einkaufszentrum mit Läden und Marktfläche. Die Stadt sah zu dieser Zeit keine Chance für eine Wiederbelebung als Theater oder anderweitige Kulturstätte, da inzwischen dichte Wohnbebauung das Grundstück umgab und die Gegend damals nicht als besonders attraktiv für Kultur-Events galt. Das sah die Erbengemeinschaft der Eigentümer zu dieser Zeit anders, die mit einem Kulturverein die Wiederbelebung als Gewerbe-/ Bürogebäude und Veranstaltungsort vorantreiben wollte. Im Endeffekt passierte nichts, und in den 1990ern kamen in dem inzwischen stark heruntergekommenen Komplex Flüchtlinge aus Afghanistan und dem ehemaligen Jugoslawien unter, was für politischen Wirbel im Bezirk Mitte sorgte. Der Bezirk hatte das Gebäude für diesen Zweck angemietet. Parallel befand sich im Foyer des Vorbaus seit 1990 ein italienisches Restaurant, das 1994 durch das Restaurant Alte Schilleroper abgelöst und 1997 schließlich zu einem Musikclub umfunktioniert wurde, wo u.a. im Jahr 2000 Swing-Partys mit alter Musik stattfanden. Während dieser ganzen Phase versuchte die Stadt, teilweise mittels Klagen, die Eigentümer zur Sanierung des Komplexes zu bewegen, während die Erbengemeinschaft ihrerseits einen neuen Bebauungsplan vorlegte, der aber den weitgehenden Abriss der Gebäude vorsah. Als Kompromiss zwischen Behörden und Eigentümern wurde 2001 ein neues bauliches Konzept für das Grundstück vorgelegt, das eine Versetzung (= Translozierung) und somit den Erhalt des historischen Rundbaus beinhaltete. Der Rest des Grundstücks hätte von den Eigentümern bebaut werden. können Der Plan wurde dann auf Eis gelegt und später von der Erbengemeinschaft - nach anfänglicher Zustimmung - abgelehnt. 2003 etablierte sich im Foyer-Bau der Subkultur-Club Schilleroper, der zeitweilig zu einer angesagten Adresse südlich des Schanzenviertels wurde. Hier fanden Partys, Konzerte und Lesungen statt. Seit der Schließung des Clubs im Jahr 2006 sind die inzwischen einsturzgefährdeten Gebäude ungenutzt. 2007 stellten die Eigentümer einen Antrag auf Abriss des Gebäudekomplexes.



2008 wurde es noch einmal spannend: Bernhard Paul, Leiter des Circus Roncalli und diverser Varieté-Shows, wollte den Rundbau käuflich erwerben und an anderer Stelle nach historischem Vorbild wieder aufbauen. Paul hatte ein Konzept vorgestellt, das eine Kombination aus Gastronomie und (artistischer) Kleinkunst vorsah. In den Händen des versierten Künstlers und Geschäftsmannes wäre der alte Busch-Bau sicherlich zu neuer Blüte erwacht, da Bernhard Paul es gewöhnlich versteht, modernen Publikums-geschmack mit nostalgischem "Retro-Kult" zu verbinden, und sein Herz vor allem für Zirkus und Varieté schlägt. Unter Pauls Leitung wären womöglich Weihnachtsshows des Circus Roncalli in der Schilleroper zu erwarten gewesen, wie sie im Berliner Tempodrom stattfinden. Letztlich scheiterte aber auch der Roncalli-Chef an der hartnäckigen Erbengemeinschaft, ebenso die Betreiber des Studiokinos in der Bernstorffstraße, die sich im gleichen Jahr (2008) um eine Anmietung des Gebäudes bemühten. 

Im Oktober 2011 wurde mit der Besetzung des leer stehenden Gebäudekomplexes durch Aktivisten ein politisches Zeichen gesetzt. Der Protest richtete sich gegen den Widerspruch zwischen horrend steigenden Mietkosten und ungenutzten innerstädtischen Gebäuden in Hamburg. Auch wenn die Demonstranten sicher keine Wiederbelebung der Schilleroper als Kulturpalast im Sinn hatten, so waren die Proteste angesichts der Hamburger Wohnungsnot doch mehr als berechtigt. Indes machte sich die Hamburger Denkmalbehörde längst dafür stark, die Schilleroper unter Denkmalschutz zu stellen. Die Rotunde (= der Rundbau), insbesondere das Stahlskelett, steht schon länger auf der Liste denkmalwürdiger Gebäude in der Hansestadt. Umso haarsträubender wirkt die Verwahrlosung des Grundstücks. Anfang 2011 legte das Verwaltungsgericht Hamburg im Streit zwischen Stadt und Eigentümern einen Vergleich vor: Die Rotunde sollte nach dem Plan von 2001 ein Stück versetzt werden, damit die Eigentümer den Rest des Grundstücks bebauen könnten. Der Vorschlag war mit finanziellen Forderungen an die Erbengemeinschaft verbunden: eine hohe Kaution im Falle eines Bauantrags, andernfalls satte monatliche Geldzahlungen. Nachdem die Erben abgelehnt hatten, kam das Gericht im März 2012 zu dem Urteil, dass - ganz im Sinne der Denkmalbehörde - die Schilleroper als Baudenkmal erhalten und saniert werden müsse. Da die Erben auch hiergegen Berufung eingelegt haben, wird das Oberverwaltungsgericht noch 2012 eine Entscheidung fällen. - An dieser Stelle wartet unser Text auf eine Aktualisierung, die aus zeitlichen Gründen bislang nicht möglich war. Wir informieren Sie zu gegebener Zeit über die Entwicklung seit 2012. Übrigens waren an dem Rechtsstreit in jenem Jahr von öffentlicher Seite sowohl der Bezirk Hamburg-Mitte als auch mehrere Hamburger Behörden beteiligt.



Selbstverständlich fände ich es als Zirkusfreund besonders attraktiv, wenn die Schilleroper wieder als Zirkusgebäude genutzt würde. Auch eine Wiederbelebung als Operettentheater, Kleinkunstbühne oder Musikclub im Stil der 1920er Jahre würde ich als allgemein kulturinteressierter Mensch sehr begrüßen. Bis dahin kann man den alten Busch-Bau, solange er nicht einstürzt, als Ruine bewundern. Tatsächlich übt das Gebäude auch im baufälligen Zustand einen gewissen Reiz aus, weil es den Geist längst vergessener Zeiten atmet...