Erinnerungen an den Circus Barum

(Fotos vom letzten Gastspiel in Bottrop 2008)


Der damals populäre Circus Barum kam in meiner Kindheit mehrmals in unsere Heimatstadt Langenfeld und wurde so zu einem meiner langjährigen Lieblingszirkusse. Am 26. Oktober 2008 gab das Unternehmen im niedersächsischen Northeim sein letztes Gastspiel. Ich besuchte den Zirkus mit meinem Bruder eine Woche vorher bei seinem vorletzten Gastspiel in Bottrop am nördlichen Rand des Ruhrgebiets. Von diesem Ausflug stammen die Fotos auf dieser Seite.

 

Die lange Geschichte des Circus Barum begann 1878. Damals eroberten die europäischen Mächte im Wettlauf ferne Kontinente und brachten exotische Souvenirs aus aller Welt nach Europa. Rückblickend muss der Kolonialismus auch als eine Phase der Ausbeutung betrachtet werden, dem damaligen Zeitgeist entsprechend verhieß er den wissenshungrigen Völkern Europas aber vor allem Abenteuer und neue Entdeckungen.



Bilder v. l. n. r.: Einlass des Publikums zur Nachmittagsvorstellung. - Eine der typischen Barum-Zugmaschinen mit Zebramuster. - Direktor Gerd Siemoneit-Barum im Oktober 2008. 


Carl Froese (1853-1907), der - wie später Gerd Siemoneit - aus Ostpreußen stammte, verkörperte den Idealtypus eines Abenteurers im 19. Jahrhundert. Er hatte Tierpfleger gelernt und gelangte 1875 zum ersten Mal nach Afrika, wo er Tierfänger wurde. 1878 brachte er Tiere (in erster Linie Raubkatzen) nach Europa und gründete eine Wandermenagerie. Mehrere Jahrzehnte zog sie unter dem Namen Barum's große amerikanische Karawanen-Menagerie durch die Lande und stellte auf den Jahrmarktsplätzen der Städte und Dörfer wilde Tiere aus. Der (Kunst-) Name "Barum" war geboren. Mehrere Male noch reiste Carl Froese nach Afrika, um neue Tiere für seine Menagerie zu fangen.


Menagerien waren zu jener Zeit häufig. Carl Froese konzentrierte sich schwerpunktmäßig auf Raubtiere, was für den Circus Barum bis zuletzt typisch bleiben sollte. Er richtete die Tiere zu Dressurkunststücken ab und präsentierte so neben der Ausstellung auch ein Programm. 1907 starb er während einer Tour durch Norddeutschland. Seine Tochter Helene führte im Menagerie-Circus schon früh Raubtiere wie Wölfe, Hyänen und Löwen vor. Sie heiratete den Tierlehrer Arthur Kreiser, der 1907, nach dem Tod Carl Froeses, die Barum-Menagerie übernahm. Er war schon länger im Geschäft dabei und hatte ebenfalls mit Dressurleistungen auf sich aufmerksam gemacht



Bilder v. l. n. r.: Der Kassenwagen war jahrzehntelang mit auf Tournee. - Historischer Zaun und Eingang zum Zirkusgelände.


Arthur Kreiser-Barum kaufte 1911 das erste Rundzelt und machte so aus der Wandermenagerie einen richtigen Zirkus. In den Folgejahren wuchs das Unternehmen stetig und gehörte bald zu den großen Wanderzirkussen auf deutschem Gebiet. Schon 1912 wurde ein Film in der Barum-Manege gedreht. 1913 gab es traurigen Ruhm für das Unternehmen, weil Löwen beim Transport mit der Straßenbahn in Leipzig ausbrachen und durch Polizisten erschossen wurden. Im 1. Weltkrieg verendeten die Raubtiere an Futtermangel. In den 1920er Jahren fanden Tourneen durch Skandinavien statt, 1926 zeigte Barum ein Mammutprogramm in der Dortmunder Westfalenhalle. 1927 präsentierten die Kreisers eine Riesenschau im 5.000 Personen fassenden Zelt, ab 1930 reisten sie mit einem 3-Manegen-Circus durch Holland, Italien, Frankreich und die Mittelmeerländer, anschließend auch durch Russland, Innerasien und Osteuropa.


Der Circus Barum der Familie Kreiser erlebte mehrere Zusammenbrüche, so 1934 in der Tschechoslowakei, 1938 bei einer Hochwasserkatastrophe in Neiße und 1944 durch Fliegerbomben des 2. Weltkriegs. In jenem Jahr fand die Truppe Zuflucht im niedersächsischen Einbeck, wo der Circus von 1942 bis 2012 seinen Firmensitz hatte. Schon 1946 war man wieder auf Tournee, diesmal unter der Leitung von Arthur Kreisers Tochter Margarete Kreiser-Barum, die den Zirkus bis zu seiner vorübergehenden Einstellung im Jahr 1968 führte. Arthur Kreiser starb 1953.


1948 stößt der junge Gerd Siemoneit (geb. 1931) zum Circus Barum. Siemoneit wurde mit seiner Familie 1944 aus Ostpreußen vertrieben. Nach einer kurzen Phase in Dresden kamen die Siemoneits 1945 bei Verwandten in Hamburg-Bergedorf unter. Von dort riss der zirkusbegeisterte Gerd 1946 aus und schloss sich dem Circus Williams (Carola Williams, geb. Althoff) an, wo er als Stallbursche und Requisiteur arbeitete. Noch einmal kam er nach Hause zurück, wurde von seiner Mutter zu einer Druckerlehre überredet. Doch erneut warf Gerd das Handtuch und ging nach mehreren Jobs bei kleinen Zirkussen 1948 zum Circus Barum. Margarete Kreiser-Barum lässt ihn zusammen mit Gleichaltrigen zum Jockey-Reiter ausbilden; die Truppe präsentiert waghalsige Kunststücke auf dem Rücken der Pferde. Nach einer Knieverletzung muss Gerd die Akrobatik aufgeben. 1952 erfüllt sich für den 21jährigen dann ein ganz großer Traum: Er darf zum ersten Mal die Raubtiere in der Manege vorführen.


Ein Guanako schaut aus dem Stallwagen.

Von diesem Zeitpunkt an startet Gerd Siemoneit eine in der Zirkuswelt fast beispiellose Karriere. Ab 1953 tritt er in verschiedenen europäischen Zirkussen mit Raubtieren auf. 1962 kauft er eigene Tiere. Mit dem schwarzen Panther "Onyx" gelingt ihm ein bisher nicht kopiertes Kunststück: der Panther springt aus 3 Meter Höhe (normalerweise der Beutesprung des Leoparden!) in die Arme des Dompteurs. Das war Siemoneits endgültiger Durchbruch - von nun an trat er in den größten Zirkussen Europas (Knie, Pinder, Williams u.a.) als Starnummer auf. 1966-67 spielte er zudem die Hauptrolle in der ARD-Fernsehserie Jens Claasen und seine Tiere und wirkte in mehreren Dokumentarfilmen mit.


Erfolg bringt bekanntlich Geld: 1970 war Siemoneit in der Lage, Material und Wagen sowie das Winterquartier des 1968 eingestellten Circus Barum zu kaufen. Margarete Kreiser-Barum war im selben Jahr (1970) verstorben, Siemoneit musste die Geschäfte mit ihren Erben verhandeln. Diese verweigerten ihm in den Anfangsjahren die Rechte an dem Namen "Barum", weshalb Gerd Siemoneit das Unternehmen zunächst Circus Safari nannte. 1972 erhielt er schließlich die vollen Namensrechte und war von nun an mit dem Circus Siemoneit-Barum auf Tour. 1973 erwarb er in Einbeck, nicht weit entfernt vom alten Winterquartier, ein 50.000 qm großes Gelände mit einem alten, aus dem 19. Jh. stammenden Gutshof, das fortan als Winterquartier des Circus Barum diente. Gerd Siemoneit führte das Traditionsunternehmen zu neuer Blüte: der Circus Barum gehörte in den 70er-90er Jahren zu den bedeutendsten Großzirkussen in Deutschland und Europa.


Höhepunkte in den Barum-Programmen waren zweifellos die Raubtierdressuren des Chefs. Löwen, Tiger, Leoparden, Braun- und Eisbären wurden z.T. gemeinsam von Gerd Siemoneit vorgeführt. Seinen Dressurstil hatte er zunehmend verfeinert. Für seine einfühlsame Arbeit mit Raubtieren bekam er Anerkennung aus der Fachwelt. So veröffentlichte er Artikel und Bücher über Tierpsychologie. In manchen Vorstellungen zeigte er während des Käfigabbaus Kurzfilme über die Raubtierdressur. Beim Circusfestival in Monte-Carlo erhielt er zweimal hohe Auszeichnungen, er ist Träger des Bundesverdienstkreuzes. In der Zeit der Schröder-Regierung arbeitete Siemoneit in der Expertenkommission zur Entwicklung der Leitlinien für die Ausbildung von Zirkustieren mit. Mehrfach war er Jury-Mitglied bei Zirkusfestivals und Schirmherr diverser Zirkusveranstaltungen. Erst 2002 beendete er mit einer Gruppe weißer Tiger seinen Job als Dompteur; er war in dem Jahr 70 Jahre alt.



Bilder v. l. n. r.: Direktionswagen und Zelt auf dem Zirkusplatz in Bottrop. - Alltagsstimmung auf dem Zeltplatz in Bottrop.


Den Circus leitete Siemoneit bis ins Jahr 2008 als bis dahin dienstältester Zirkusdirektor Deutschlands. Seine Programme vermochten das Flair von familiärem Circus und großer internationaler Show perfekt zu verbinden. Neben Kindern aus dem eigenen Hause und "Stammpersonal" traten Weltklasseartisten in der Barum-Manege auf (noch 2004 gewann die Reitertruppe um Ignat Ignatov den Silbernen Clown in Monte-Carlo). Das 13köpfige Orchester im roten Livree sorgte stets für die Atmosphäre des "echten", romantischen Traditionscircus. Bis zum letzten Programm wurden im Circus Barum sämtliche Nummern von Live-Musik begleitet, was selbst in Orchester-Zirkussen heute nicht mehr üblich ist, da viele Künstler ihre eigene Musik aus der Konserve mitbringen. Charakteristisch war der stilvolle Auftakt der Barum-Programme mit der von Nino Rota komponierten Titelmusik aus dem Fellini-Film 8 1/2.

Das Festhalten an solchen Traditionen hat vielleicht mit dazu beigetragen, dass der Circus Barum in seiner letzten Phase auf das moderne, actionverwöhnte Publikum einen angestaubten Eindruck machte. Während Freunde des klassischen Circus nach wie vor begeistert waren, nahm die Beliebtheit beim großen Publikum doch etwas ab, somit wurden auch die Programme zuletzt dünner, auch bedingt durch zahlreiche Schwierigkeiten, mit denen alle Zirkusse heute zu kämpfen haben: Preissteigerungen, behördliche Auflagen, schlechte Zirkusplätze usw. Die Zirkuswelt war damals trotzdem verwundert, dass Barum den Betrieb einstellte, da zu der Zeit die viel versprechende junge Generation der Familie Siemoneit frischen Wind ins Zelt brachte und jahrelang von der Fortführung des Traditionszirkus sprach.



Bilder v. l. n. r.: Besprechung unter 6 Augen. - Kamele werden für den Auftritt aus dem Gehege geholt. - Zebras im Freigehege.


1956 hatte Gerd Siemoneit die Artistin Inge Bielewski geheiratet, die 1974 an einer Lebererkrankung starb. Ein Jahr später (1975) heiratete er die britische Schauspielerin, Sängerin und Tänzerin Rosalind Early. 1977 kam Tochter Rebecca zur Welt, die dem deutschen Fernsehpublikum als Iphigenie ("Iffi") Zenker aus der Serie Lindenstraße bekannt ist. 1982 folgte der Sohn Maximilian ("Max"). Rebecca Siemoneit hat inzwischen ihrerseits zwei Kinder mit dem Schweizer Luftakrobaten Pierre Bauer, der in den letzten Barum-Jahren als Artist am schwankenden Mast auftrat. Rebecca und ihr Bruder Max führten durch die letzten Programme, Rebecca trat mit Ponys auf und sang zum Finale nostalgische Lieder aus dem Freddy-Quinn-Film Freddy, Tiere, Sensationen.


Die Kinder Gerd Siemoneits brachten zuletzt durchaus eine Art roten Faden in die Show, ergänzt durch einen Clown. Insgesamt konnten sie sich mit innovativen Ideen jedoch kaum gegen den konservativen Vater durchsetzen, wie es aus Insider-Kreisen hieß. Ob auch familiäre Spannungen für die Schließung des Circus Barum mitverantwortlich waren, wie Gerüchte teilweise verlauteten, bleibt letztlich Vermutung. Anlass für die Einstellung des Betriebs war natürlich zu allererst das fortgeschrittene Alter Gerd Siemoneits, der sich zur Ruhe setzte. Er selbst wollte mir bei meinem Besuch 2008 auf Fragen zur Übernahme des Zirkus durch die Kinder oder durch mögliche Käufer keine Antwort geben.



Bilder v. l. n. r.: Lichterglanz um das Zirkuszelt (Abendvorstellung). - Der Blick auf die Manege und das Orchesterpodium.

Höhepunkte im letzten Barum-Programm: Ignat Ignatov (Pferde), Dieter Dittmann (Tiger),The Flying Costa (Flugtrapez).


In der Zirkuswelt wurden immer Namen groß und verschwanden irgendwann wieder. Dennoch war die Einstellung des Circus Barum ein großer Verlust für den Zirkus in Europa, weil hier der - wie Zirkusfreunde sagen - "unverfälschte" klassische Circus überzeugend zelebriert wurde. Fast zeitgleich stellte übrigens der Circus Busch-Roland (Familie Geier-Busch) als ebenso vorbildlicher traditioneller Zirkus seinen Betrieb ein.


Die Kinder Gerd Siemoneits haben sich aus der Zirkuswelt zurückgezogen. Rebecca setzte ihre Laufbahn als Sängerin und Schauspielerin fort. 2012 verkaufte die Familie das große Grundstück in Einbeck an den Zirkus Charles Knie, der ein absolut würdiger Nachfolger ist. Die Firma Charles Knie wurde einige Jahre zuvor vom Gründer an den Zirkusfachmann Sascha Melnjak verkauft und spielt seitdem in der ersten Liga deutscher Reisezirkusse - mit klassischem internationalem Programm und Orchester! Insofern gibt es auch nach dem Circus Barum weiterhin qualitätsvolle Zirkuskunst aus Einbeck.